Sonntag, Mai 29

»IM TOD«: Und wie war dein letzter Atemzug?

„IM TOD – in my time of dying“ lädt das Publikum zu einem Gespräch über das Sterben und den Tod ein – mit internationaler Besetzung. Bild: Joachim Dette/Theaterhaus Jena

„Eine Leiche in der Badewanne erinnert sich“: Als wäre das Theaterpublikum an diesem Donnerstagabend zu einer Probe eingeladen, beobachtet es den Regisseur Sankar Venkateswaran dabei, wie er mit seinem Partner Leon Pfannenmüller eine Szene baut, in der ein Toter auf sein eigenes Leben zurückblickt. Das hier uraufgeführte Stück „IM TOD – in my time of dying“, worin sich die beiden Theatermacher in einem Niemandsland zwischen Leben und Tod begegnen, ist eine mehrsprachige Koproduktion des Theaterhauses Jena mit dem Sahyande Theater in Indien, woher Venkateswaran stammt. Die Zusammenarbeit wurde vom Koproduktionsfonds des Goethe-Instituts gefördert. Pfannenmüller und Venkateswaran haben die Texte hierfür selbst verfasst und ihre eigenen Erfahrungen an vielen Stellen autobiografisch in das Stück eingearbeitet.

Der doppelte Titel „IM TOD – in my time of dying“ deutet schon auf den ausgefallenen Blickwinkel hin, dem sich die beiden verschrieben haben: das Sterben aus der Perspektive zweier Toter. Sie suchen die Stätten ihrer Vergangenheit nicht heim, wie es Geister tun, sondern versuchen, sie zu verstehen, hinterfragen die eigene Karriere und ihren Umgang mit sterbenden Freund*innen und Familienmitgliedern, als sie noch zu den Hinterbliebenen zählten. Die luxuriöse Badewanne, die zentral neben ein paar ordentlich aufgetürmten Handtüchern auf einem türkisenen Teppich steht, mag als merkwürdiges Set erscheinen, um sich dieser Thematik anzunähern. Aber wie das Tröpfeln aus dem Wasserhahn das Verstreichen der Sekunden im einen Moment markiert, dann aber wieder kaschiert, sobald es sich in das Grundrauschen des Gehirns mischt, ist es auch mit dem Bewusstsein der Lebenden von ihrer Vergänglichkeit und der Schuld, in der sie den Toten gegenüber stehen.

Leon setzt sich in die inzwischen halb gefüllte Badewanne und liest aus seinem Tagebuch vor. Wir erfahren darin von dem Sterbeprozess seiner Mutter, die 2017 eine Krebsdiagnose erhielt. Er berichtet von Strahlentherapie, von dem Unbehagen der Mutter, zum Pflegefall zu werden, und von seinen Besuchen bei ihr, die sich irgendwie in den Berufsalltag des Schauspielers einfügen müssen. Direkt und doch gefühlvoll beschreibt er die Nähe, die man zu Angehörigen gewinnt, wenn sie zur Bewältigung ihres Alltags auf immer mehr äußere Hilfe angewiesen sind. Jede Zuschauer*in, die schon einmal ein schwer krankes Familienmitglied betreut oder gepflegt hat, wird mit den Details solcher Begegnungen vertraut sein: den unangenehmen Gerüchen etwa, oder den krankheitsbedingten Verfärbungen der Haut, die sich zu anderen Eindrücken vorzeitigen Ablebens gesellen. Auch die Gespräche, in denen die Bedürfnisse der sterbenden Person stetig neu verhandelt werden, häufen sich mit jedem Besuch. Ihre körperliche Präsenz wird mit ihrer Verwundbarkeit eine andere, ist für die Umstehenden plötzlich ganz anders spürbar. Als Leon etwa das Schamhaar seiner Mutter zu sehen bekommt, beschreibt er es als zerzauste Frisur. „Es ist nah, aber nicht eklig – wie die Erfüllung einer Bestimmung“, hat er zu dem ungewollten Einblick notiert. Sein Freund Sankar lauscht ihm aufmerksam, mit dem Rücken zum Publikum.

„Erinnerst du dich an deinen letzten Atemzug?“

Gemeinsam sinnieren die beiden Theatermacher über ihre eigene Sterbensbereitschaft und -weigerung. Dabei kommen sie wiederholt auf das Atmen zu sprechen. Da es eine endliche Anzahl von Atemzügen gibt, die jedem Menschen vergönnt sind, meint Sankar, könne man sein Leben um Hunderte Jahre verlängern, wenn man sich antrainierte, nur einmal pro Minute ein- und auszuatmen. Ein verwegener Plan, den die beiden Freunde aber bald wieder zugunsten neuer Spekulationen verwerfen. Die zwischen Lesung, Monolog und Dialog changierenden Szenen legen davon Zeugnis ab, dass jede Beschäftigung mit dem Tod in Wahrheit eine mit dem Sterben ist – dass sie, von den Lebenden angestoßen, letztlich nur den Lebenden dient. Das Theater verschweigt diese Tatsache nur allzu gern. Das hat es mit den verschiedenen Todesritualen und Mythologien gemeinsam, in die Leon und Sankar auf der Bühne eintauchen. Die Gespräche zwischen den beiden haben nichts Gekünsteltes, sie könnten genauso improvisiert sein. Nur manchmal kippen sie in enzyklopädische Erläuterungen, die dem interkulturellen Austausch dienen sollen.

Ihre persönlichen Erinnerungen fördern jedoch weit mehr zutage, das die Beziehung der beiden Darsteller zum Tod erhellen kann. So gibt Sankar etwa eine autobiografische Todesanzeige zum Besten oder setzt seinem langjährigen künstlerischen Kollaborateur Rajeev, der früh starb, ein kleines Denkmal. Dieser habe sich einmal auf die Suche nach einem Topf begeben müssen, der als Requisite für ein Stück gebraucht wurde, mit dem Sankar auf Tour gegangen war. In einer Szene sollte der Topf am Boden zerschellen, was er aber nur auf dem Betonboden tat, auf dem das Stück in Indien aufgeführt wurde. Für die Holzbühnen in Deutschland – den „Brettern, die die Welt bedeuten“, wie Sankar bedeutungsschwer einwirft – musste ein zerbrechlicheres Exemplar her. Keine einfache Aufgabe, denn die Hersteller sind darum bemüht, robuste Töpfe zu produzieren. Die Beschaffung eines fragilen Topfs mit dünnen Wänden, dessen praktischer Nutzen im Theater einzig in seiner mutwilligen Zerstörung liegt, verweist nicht nur auf das unterschiedliche Verhältnis zum Tod, das Menschen abhängig von ihrem Geburtsland haben; es ist auch ein passendes Bild für die Widersprüche, in die sich die Kunst gerne verwickelt: Die Nähe zur Welt jenseits der Bühne ist oft nur um den Preis einer Entfremdung von ihr zu haben.

Eine Trost spendende Performance

Pfannenmüller und Venkateswaran kommt mit ihrem Herzensprojekt „IM TOD“ das Verdienst zu, trotz motivischer Steilvorlage an keinem Punkt in Melodrama abzugleiten. Auch die erwartbare Exotisierung im Umgang mit den kulturellen Unterschieden, die im Stück verhandelt werden, bleibt aus. Diese Erfolge sind vor allem der Dynamik zwischen den beiden Theatermachern geschuldet, die ihr jeweiliges Post-Mortem-Persona mit sympathischer Naivität spielen. Die Freundschaft und der gegenseitige Trost, der sie den beiden Schauspielern spendet, verleiht ihrer Trauer eine leichte Note, an der das Publikum gerne teilhat.

Es erschließt sich einem als Zuschauer*in aber kaum, weshalb man die beiden Helden dabei begleitet, wie sie sich metadramatisch daran machen, aus ihrem Schmerz und ihren Ängsten ein Theaterstück zusammenzuflicken. Neben der Identifikation mit deren Erfahrung, die in der rührenden Buddy-Movie-Atmosphäre wohl niemandem versagt sein dürfte, bleibt aus der Vermengung von Erinnerung, Fiktion und fun facts wenig Gewinn für das Publikum. So sehnt man sich dann doch nach einer in sich geschlossenen Inszenierung, die das Verhältnis des Theaters zum Tod, des Todes zum Leben und des Lebens zum Theater kunstvoller und weniger leichtfertig befragen kann.

So spielerisch die Produktion auch daherkommt: „IM TOD“ tut sich mit der Fülle an Zeichen und Deutungen, die das Sterben umgibt, merklich schwer. Natürlich muss ein Drama keinen Plot haben, um das Publikum zu unterhalten und anzuregen. Manche auf diese Art freischwebenden Stücke verzetteln sich aber so mit der Materialsammlung zu ihrem Thema, dass die Fragen, die es aufwirft, nur hastig und oberflächlich behandelt werden können. „IM TOD – in my time of dying“ fällt leider unter diese Kategorie. Es lässt die vielen tragfähigen Bilder und Symbole, die unser wechselhaftes Verhältnis zum Tod prägen, genauso schnell wieder fallen, wie es sie ausgebuddelt hat. Schade drum, denn die Pandemiegesellschaft hat es so nötig wie am ersten Tag, sich tiefgehend damit auseinanderzusetzen, welchen Umgang sie mit den Sterbenden und Toten pflegt.

Weitere Details sowie Tickets zu „IM TOD – in my time of dying“ gibt es auf der Webseite des Theaterhauses.

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