Sonntag, Mai 29

Leserbrief: Wie die Jenaer Hilfsgüter nach Kiew gebracht wurden

Symbolbild: Oleksandr Zhabin/Unsplash

Uns hat der folgende Leserbrief erreicht. Er berichtet vom Transport der ersten Ladung Jenaer Hilfsgüter, die das Kassablanca gesammelt hat, am vergangenen Wochenende. Der Redaktion ist der Name des Autors bekannt, dieser möchte aber anonym bleiben.

Wie so viele andere haben uns die Bilder und Geschehnisse aus der Ukraine kaum schlafen lassen und es für uns unmöglich gemacht, nichts zu tun. So haben wir am Freitagmittag den Entschluss gefasst zu helfen. Dank der Hilfe einer privaten Spende sind wir losgezogen und haben einen Sprinter mit Kastenaufbau für unverschämtes Geld gemietet. Das Ziel unserer Reise habe ich lieber verschwiegen und dafür den maximalen Versicherungsschutz gebucht.

Den ganzen restlichen Freitag haben wir nun versucht, uns mit Mission Lifeline und “StandwithUkraineEastGermany” zu connecten. Der Kontakt stand, aber es war für uns nicht möglich zu ermitteln, ob wir das Fahrzeug selbst mit Gütern befüllen oder ob es eine zentrale Abgabestelle gibt, bei der wir einladen und losfahren. Nach einer Nacht mit wenig Schlaf, stand der Kontakt zum Kassablanca, und es war auch klar, sie brauchen unseren Sprinter und uns als Fahrer:innen. Heilfroh, dass wir das Auto in unserem blinden Aktionismus nicht umsonst gemietet haben, fuhren wir am frühen Samstagnachmittag zum Kassa. Es war überwältigend zu sehen, wie lang die Schlange derjenigen war, die Spenden vorbeibrachten. Danke dafür! Wir begannen sogleich das Fahrzeug mit Wasser zu beladen, stoppten diese Aktion aber erstmal, da noch nicht abzusehen war, was alles mitmuss bzw. wirklich an der Grenze oder Front gebraucht wird. Nach Absprache mit dem engagierten Team tauchten wir also gegen halb 6 wieder am Kassa auf. Die Schlange war sogar noch länger geworden und rührte mich nochmal mehr als am Nachmittag. Negativ fiel nur der Reporter der OTZ auf, der unbedingt ein Foto von uns machen wollte, wie wir unseren Transporter beladen. Wir sagten ihm, dass er gerne die Aktion fotografieren kann, aber nicht uns als Einzelpersonen, weil es eben nicht um uns geht. Verständnis gab’s dafür nicht, nur den Kommentar, dass er ja Presse sei und ein Recht darauf hätte. Ein höfliches „Verpiss dich“ erfüllte seinen Zweck und wir hatten erst einmal Ruhe.

Unser Fahrzeug wurde bis zur Obergrenze beladen, Realisten würden sagen, stark überladen, aber etwas in Jena zu lassen kam nicht wirklich in Frage. Um 4 Uhr Sonntagfrüh trafen wir uns am Kassa wieder, um zu starten. Genoss:innen aus Halle trafen auch pünktlich ein, nur fehlte ihnen ein Fahrer, der abgesprungen war. Schnell noch einen Freund angerufen mit den Worten: „Wie spontan auf einer Skala von 1 bis 10 bist du?“ Er hat sich für die 10 entschieden, und somit konnte es mit leichter Verzögerung losgehen.

Da die Reifen unseres Transporters irgendwie nicht mehr rund waren, hielten wir noch kurz an der Tanke, um die dringend benötigte Luft aufzufüllen. Dabei wurde auch bemerkt, dass unser rechtes Rücklicht defekt war. Danke Autovermietung an der Stelle. Somit waren wir mit anderthalbstündiger Verspätung auf der Autobahn Richtung Polen. Die „eingehaltene“ Beladungsgrenze unseres Fahrzeuges führte dazu, dass wir das langsamste Fahrzeug im Konvoi aus 7 Fahrzeugen waren. Jeder noch so kleine Anstieg führte zum Schneckentempo und zur Geduldsprüfung für den Fahrer.

Da sich die Situation an der Grenze stündlich veränderte, stand zu Beginn der Fahrt das genaue Ziel noch gar nicht fest. Also wie weit wir fahren oder wie nah, oder ob wir an die Grenze heranfahren können. Wir wussten nur, dass wir spätestens in Katowice tanken müssen, da es ab da zu Engpässen bei Diesel und Benzin kommt. In den Morgenstunden stand dann fest: Wir fahren nach Katowice, um dort einen Teil unserer Ladung zu übergeben, die direkt an die Front Kiew gefahren wird. Wir fuhren alsdann in ein Dorf Höhe Katowice um ca. 14 Uhr auf ein Speditionsgelände. Dort warteten etwa 40 Helfer und ein Vierzigtonner und bereiteten uns einen sehr schönen Empfang. In einer atemberaubenden Geschwindigkeit wurde unser Fahrzeug entladen, alles auf Paletten gepackt und foliert. Sofort gab es selbstgebackenen Kuchen und dringend nötigen Kaffee für uns. Nach einigen Beratungen und Hin und Her, ob wir nun noch zur Grenze fahren und den Rest abliefern, fiel die Entscheidung, dass alles nach Kiew gefahren wird. An der Grenze sind nach Angaben der Koordinator:innen so viele Hilfsgüter angekommen, dass es erst einmal reicht bzw. erst einmal verteilt werden muss. Wir würden da, so hart wie es klingt, eher im Wege stehen. Also berieten wir, was wir noch tun könnten, wenn wir schon mal so weit gefahren sind. Jeder Entscheidungsprozess musste unterbrochen werden, da für uns extra gekocht wurde und wir erstmal zu essen hatten. Es ist immer wieder schön zu sehen, was Gastfreundschaft wirklich bedeutet. Danke für das sehr gute Essen und eure Herzlichkeit! Als Bonus machte der Chef der Spedition noch einen Deal mit Aral klar, und wir konnten unseren Konvoi kostenlos volltanken. Und als hätte diese ganze Herzlichkeit nicht schon gereicht, packten uns die Kräfte vor Ort auch noch Care-Pakete für die Rückreise. 

Nach der riesigen Freude, dass wir den Vierzigtonner mit der Hilfe aus Jena und Halle/Leipzig sehr gut füllen konnten, erreichte uns die Nachricht, dass Putin seine Nuklearstreitkräfte in Alarmbereitschaft versetzt hat, und die Stimmung war gleich wieder dahin, wir wurden wieder von der Realität dieses Krieges eingeholt. Fuck you, Putin, und den Rest deiner Arschlochbande!

Nach ein paar Hin und Her, entschieden wir uns dafür, den Konvoi zu trennen, und dass die Fahrzeuge, die Menschen transportieren können, nach Krakau fahren, um Menschen von dort aus direkt nach Deutschland zu fahren. Der Rest macht sich wieder auf den Weg Richtung Jena. Memo an mich: „Nach 24 Stunden auf den Beinen sich hinter das Steuer eines Sprinters zu setzen, ist wirklich dumm. LASS DAS BZW. MACH DAS NICHT NOCHMAL!“

Aber während meine zwei Beifahrer:innen sich ausruhten, um für den Fahrer:innenwechsel einigermaßen fit zu sein, hatte ich Zeit darüber nachzudenken, was ich im Nachwort kurz zusammenfassen werde. Wir kamen gut durch und nicht überladen – ähm: voll beladen machte der Sprinter seinem Namen auch alle Ehre. Etwa halb 11 am Sonntagabend war die Reise vorbei und das Lieblingsgetränk in der Lieblingsbar war ein guter Trigger, um langsam runterzukommen. Über unseren Signal-Kanal wurde gleich ausgemacht, zum nächstmöglichen Zeitpunkt wieder rüberzufahren. 

Nachwort

Es ist schon erstaunlich, wie einfach die grenzüberschreitende Hilfe und Solidarität ist. Einfach den Entschluss fassen, einen Sprinter gemietet und los. Aber warum habe ich das nicht schon vor 4 oder 8 Wochen gemacht, als an der Grenze zu Belarus die Menschen im Wald erfroren sind? Eine Frage, die mich beschämt und sehr traurig macht. Man erlebt eine riesige Solidarität der Polen an der ukrainischen Grenze. Hunderttausende Flüchtlinge sind da kein Problem. Zehntausend Menschen an einer anderen Grenze lässt das Militär ausrücken. Was für eine wahnsinnige Welt. Ich kam zum traurigen Schluss, dass es wohl an zwei Dingen liegen könnte, die den Unterschied machen: Die ukrainischen Flüchtlinge sind weiß und die Angst, dass Polen die nächsten sein könnten, die fliehen müssen. Versteht mich bitte nicht falsch. Die Hilfe und Solidarität, die hier und in Polen geleistet wird, ist so wichtig als Gegenpol zum Wahnsinn auf der Welt (Punkt!), es wäre einfach nur schön, wenn alle Menschen, egal wo sie herkommen oder wie sie aussehen, diese Solidarität erfahren würden.

1 Comment

  • Steffi

    Oh man, danke für deinen (euren) Einsatz. Und auch für das Nachwort, das vieles zusammengefasst hat, was mir in den letzten Tagen so durch den Kopf gegeistert ist.
    Wie dem auch sei: Solltet ihr für die nächste Tour noch Fahrer:innen und/oder Geld für nen Sprinter brauchen – meldet euch. (Mailadresse sollte die Redaktion dann ja haben. Wenn nicht, gebt mir gerne nen Tipp, wie wir in Kontakt kommen.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen