Sonntag, Juli 25

„Der Clowns-Kongress“: Humor wird dich nicht retten

Auch im Theater hat sich dieses Jahr viel Frust angestaut. Bild: Martin Michel/Libertad Media

Das Publikum ist schlecht aufgelegt. Das muss es sein. Leonardo, ein Clown in blassgrüner Lederhose und grellgrüner Perücke, gesteht ein: „Es wird gelacht.“ Also was gibt es zu meckern? „Es ist nicht das Lachen, auf das man eigentlich hofft.“ Ein Streit entbrennt im Backstagebereich. Gerda Schaumbacher (Pina Bergemann) möchte das nicht auf sich sitzen lassen: Man kann ein Lachen doch nicht einfach nach seiner Lautstärke bemessen! Mag sein, doch das Dilemma der Clownstruppe ist damit nicht gelöst. Sie fühlt sich, als sei sie aus der Zeit gefallen. Hat sich die Tradition der Clownerie doch durch so viele Epochen hindurch bewährt, erscheint sie heute in Zeiten der Stephen-King-Horrorclowns wie ein Schatten ihrer selbst. Hinzu kommt: Die Provokationen der Harlekine wirken sicher wie eine Zumutung für ein ohnehin gebeuteltes Publikum, das im zweiten Jahr einer globalen Pandemie schon am Rande der Verzweiflung angekommen ist, bevor sich eine blass geschminkte Witzfigur über sie lustig macht. Ja, selbst das Patentrezept des modernen Clowns, seine eigene Verletzlichkeit zur Schau zu stellen, schlägt in sein Gegenteil um, wo jede und jeder nur noch darum konkurriert, die eigenen Schwächen möglichst gelungen zu präsentieren. Kathartisch ist das nicht.

„Dies ist keine lustige Geschichte,“ warnt schon zu Beginn der Vorstellung des „Clowns-Kongresses“, mit dem das Theaterhaus die diesjährige Kulturarena eröffnen wird, der Clown „Maestro“ (Marleen Scholten) vor geschlossenem Vorhang. Das Stück ist eine Koproduktion des Theaterhauses mit der niederländischen Gruppe Wunderbaum, dem Theater Rotterdam und JenaKultur. Die kleine, gebrechliche Maestro kommt also, in ein weißes Kleid gehüllt, auf einem Gehstock auf den Theatervorplatz und reminisziert in starkem italienischem Akzent über die Anfänge ihrer Komik-Karriere. Ihre Einstellung zu ihrer Zunft spiegelt die der Inszenierung: Abgeklärtheit („Worüber soll man heute noch lachen?“) wird unweigerlich konterkariert mit der Albernheit des Daseins. „Clown ist ein menschlicher Grundzustand,“ stellt sie nachdrücklich fest. Das lässt sich schwer leugnen, und doch bleibt es eine Herausforderung, diesen Grundzustand mit dem der Verzweiflung zu versöhnen. Denn ein Clown mag verzweifeln – aber nur auf Zeit. Die grotesken Szenen, die sich dem Publikum im „Clowns-Kongress“ darbieten, sezieren diese Verzweiflung mit jedem Act, den Leonardo (Matijs Jansen) von der Seite der Manege ankündigt. Und irgendwie gelingt es, dieser Sezierübung genau die kathartische Unterhaltung hervorzukitzeln, die man sich von einer Clownsshow erwartet.

Da ist die Französin Clarabella (Wine Dierickx), die einfach nicht zu ihrem weltberühmten Trick mit der legendären Eisenkugel kommt, weil sie von einem rätselhaften Wesen, das unter ihrem Schulterpolster in einem Pappkästchen lebt, immerzu unterbrochen wird. Der tollpatschige Pepito (Leon Pfannenmüller), dem es nicht gelingen will, sich vor dem Publikum selbst umzubringen. („Lösung für das Ende aller Krisen“ nennt sich dieser Trick.) Die schüchterne Coco (Hanneke can der Paardt), die am liebsten gar nicht erst hinter dem Vorhang hervorgekrochen wäre. Der Admiral (Walter Bart), ein verpeilter Alkoholiker. Leonardo, der Freude an den Missgeschicken anderer hat. Und Dicknose (Maartje Remmers), die alles einfach „scheiße“ findet. Wie der Slapstick der Clowns die Schauspielerei auf ihre Grundbausteine reduziert, so sind auch deren psychische Bewältigungsstrategien Idealtypen der Weltflucht – Versuche der Selbstimmunisierung, die scheitern müssen. Der Einzige, der sich bei alledem amüsieren kann, ist Josh (Joost Maaskant), der das Ganze mit seinem Soundboard und Mikrofon begleitet, um dem schönen Scheitern in der Manege eigentümliche Spezialeffekte zu verleihen.

Dicknose – der Name ist Programm.

Doch nicht nur die Tricks misslingen, sondern der ganze Rahmen der Darstellung entgleitet der Clownstruppe immer wieder. Dicknose gibt sich ihrer Misanthropie hin und disst einen Publikumsteilnehmer. Für sein Lachen hat sie nur Verachtung übrig:

Humor wird dich nicht retten; das Leben bricht dir immer das Herz.

Sie regt sich über alles auf, von political correctness über Selbsthilfebücher bis hin zu Neokolonialismus und Leuten, die früh ins Bett gehen. Als die Clowns dann auch noch aneinander geraten, versucht Leonardo verzweifelt, ihnen den Zeitplan des Abends ins Gedächtnis zu rufen und bedient sich eines dieser Superlative („eine Weltpremiere!“), wie sie für den Zirkus typisch, hier aber eindeutig fehlplatziert sind: „Wir haben den engsten Zeitplan in der Geschichte der Zeitpläne!“

Wir, das Publikum, sind also angehalten, uns selbst im Clown wiederzuerkennen. Unser Lachen zeugt davon, dass wir diese Einladung aller Verlegenheit zum Trotz dankend angenommen haben. Gleichzeitig lenkt die Verfremdung, die die Clowns provozieren, unser Augenmerk auf die Performance selbst. Sie scheitert – wie es im Skript steht. Nur so kommt das Identifikationsmoment überhaupt erst zustande und verhilft dem Stück zum Erfolg. Ganz schön verzwickt. Es ist wahrlich keine lustige Geschichte, aber dafür eine Einübung auf einen menschlichen Grundzustand, der – so das optisch eindrucksvolle Fazit – auch in widrigen Zeiten nie ganz der Verzweiflung weichen wird.

Die Premiere von „Der Clowns-Kongress“ beginnt am Freitag, den 9. Juli, um 21:30 Uhr. Wir haben uns für Libertad Media eine Probe der Inszenierung angesehen; Änderungen am Stück sind also vorbehalten.

Text: Philipp Janke
Bilder: Martin Michel

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