Samstag, Dezember 10

»Spuren der Arbeit«: Organisierung als Selbstorganisierung

Symbolbild: Maarten van den Heuvel/Unsplash

Jena. Am Freitagabend fand im Lobedaer Ortstreff Emils Ecke eine Buchvorstellung der International Workers of the World (IWW) statt, die das örtliche Frauenstreikbündnis organisiert hatte. Die IWW – auch „Wobblies“ genannt – sind eine Basisgewerkschaft, die Arbeitskämpfe vor allem in den USA und Kanada organisiert und prägend für die anarchistische Bewegung in Nordamerika war. Ein wichtiger Teil ist dabei die klassenkämpferische Grundhaltung – so auch im Buch Spuren der Arbeit, das Geschichten aus dem Alltag von Arbeiter*innen versammelt. Zwei Referenten des deutschen Ablegers der Gewerkschaft haben daraus vorgelesen.

Das Buch wurde zu einem Großteil aus dem Englischen übersetzt und geht auf eine Publikation der IWW von 2013 zurück, die Beiträge aus einem linksradikalen Blogprojekt namens “Recomposition” zusammentrug. Für die nun in Deutschland erschienene Ausgabe sind ein paar deutsche Originalbeiträge hinzugekommen, die in Schreibwerkstätten entstanden. Im Leitthema “Recomposition” kündigt sich zweierlei an: einerseits die Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse in der Gig Economy, die von Prekarisierung und Sozialabbau gekennzeichnet ist, andererseits die erneuten Versuche einer Selbstfindung dieser Klasse. “Organizing” heißt die Losung der Stunde, das bedeutet einerseits die aktive Einbindung der Arbeiter*innen in den Arbeitskampf, andererseits das kollektive und koordinierte Überwinden gewiefter Methoden der Spaltung und des Streikbrechens, die das Kapital auffährt. Die Herrschaftstechniken aus Nordamerika haben längst ihren Weg über den Atlantik gefunden. Die anarchistische Gewerkschaftsbewegung antwortet darauf mit einem altbewährten Konzept, der direkten Aktion.

Die Geschichten, die in Spuren der Arbeit erzählt werden, sind also Mittel zum Zweck, politisches Werkzeug, aber es handelt sich nicht um Anleitungen oder Pamphlete. Der Ton ist subjektiv, er will tief blicken lassen – in den Arbeitsprozess, die Auflehnung, das Scheitern und die kleinen Erfolge der Belegschaft. Das Publikum am Freitagabend bewegt sich beim Zuhören durch die verpestete Luft einer Fabrik der Luftfahrtindustrie, es sitzt an der Kasse, im Call Center und erlebt einen Streik beim kanadischen Postamt. Auch von Frustration mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, die von einem übergriffigen Manager ausgeht, ist in einem Beitrag die Rede.

Die monotonen Abläufe des Arbeitsalltags, die Erschöpfung und nicht zuletzt das im Hinterkopf aufpochende Bewusstsein, es könne doch alles so anders laufen, sickern selbst in die Träume der Arbeiter*innen ein. Das Schreiben ist für sich schon ein Akt der Auflehnung, so begrenzt seine Wirkung in der Welt da draußen wohl immer bleibt: „Wir müssen verstehen, was unsere Klasse ist, was wir erleben und was uns umtreibt,“ resümiert der Gewerkschafter, der mit den Texten gerade durch Deutschland und die Schweiz tourt, auf seinem Zwischenstopp in Lobeda.

Mark Richter, Levke Asyr, Ada Amhang, Scott Nikolas Nappalos (Hrsg.): Spuren der Arbeit – Geschichten von Jobs und Widerstand. Die Buchmacherei 2021, 260 Seiten. 14 Euro. ISBN 978-3-9823317-1-3.

4 Comments

  • Grosser, Klaus

    Schoneinmal “Emils Ecke” als Ortstreff von Lobeda zu bezeichnen, zeigt schon einmal die mangelnden Kenntnisse des Autors, im Text geht es auch dann lediglich um eine Buchrezension, über mehr konnte man auch nicht berichten, was an diesem Abend bei den wenigen Zuhöern kein Wunder war, eine Veranstaltung muss man eben auch bewerben.

  • FW Helms

    Die Übersetzung des Buches „Lines of Work – Stories of Jobs and Resistance” (2013 im kanadischen Verlag Black Cat Press erschienen) ist eine großartige Leistung. Allerdings hätte man es bei der Übersetzung belassen und „Spuren der Arbeit“ nicht mit Geschichtchen à la „Wir müssen leider unsere Sachen holen“ (S. 78) eines gewissen Mark Richter „veredeln“ sollen. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man darüber lachen. Daß jener Mark Richter versucht, sich damit auch noch selbst zum Klassenkämpfer zu stilisieren, ist eine Verhöhnung aller wirklich revolutionären und klassenkämpferischen Gewerkschafter, von denen viele nicht nur in der Geschichte der IWW ihr Leben gegeben haben, sondern bis in die heutige Zeit. Es sei nur an den Tod von Adil Belakhdim, Mitglied der italienischen Gewerkschaftskoordination SI Cobas, während eines Streiks im Juni 2021 erinnert. Klassenkampf ist auch heute brutal und bedeutet im ungünstigsten Falle, persönliche Entbehrungen und Opfer auf sich zu nehmen. Ich plädiere nicht dafür, Märtyrer zu schaffen, aber wer im gegenwärtigen Deutschland nicht einmal den Mut hat, unter seinem richtigen Namen zu publizieren, sollte von Klassenkampf schweigen.

  • Bezug auf Rezension und nur zu dem Teil des Buches, den es bei Labournet als Leseprobe gibt:
    Ich lese gerade verschiede Rezensionen zu dem Buch, weil es uebermorgen auch in meiner Gegend vorgelesen wird.
    Diese Rezension hier ist schon die zweite, die IWW aufloest als “International Workers of the World”. Diese Organisation ist quasi eine Wiedergruendung, wurde sie doch wegen ihrer Opposition zum Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg brutalst niedergemacht. Das Personal ging damals angeblich in der CPUSA auf. Weder die originale Organisation, noch die aktuelle, heissen wie oben zitiert! Sonst haette ja entweder das erste oder aber letzte Attribut wegbleiben koennen. Oder nicht ganz? In der Tat war das damals wie heute eine Gewerkschaft, die Migrantinnen und Migranten offen stand, was fuer viele “etablierte” (sorry muss ich so verkuerzen) Gewerkschaften lange reines Lippenbekenntnis blieb. Nichtsdestotrotz ist der korrekte Name “INDUSTRIAL Workers of the World”, da sich diese in Solidaritaetsstreiks aktive Gewerkschaft bereits nach Industriebranchen organisierte, als noch Trade-Unionism (Staende-Organisation a la Hartmannbund) vorherrschte — eine Praxis, zu der mittlerweile fast alle Arbeitenden-Organisationen uebergegangen sind.
    Der Teil der Uebersetzung den ich schon lesen konnte (werde mir das Buch bei Lesung kaufen) ist eigentlich schoen uebersetzt, soweit ich das ohne Kenntnis des Originals erkennen kann. Allerdings ist das Gendern etwas aus dem Ruder gelaufen. Es geht um eine Kellnerin, die im Original von sich als waiter geschrieben haben mag, weil ihr waitress zu frolleinmaessig vorgekommen sein wird. Kann aber auch sein dass im amerikanischen Englisch noch ein ganz anderer Begriff beutzt wurde, fuer den es gar keine weibliche Form gibt (und damit sind die meisten englischen Berufsbezeichnungen auch nicht maennlich, ausser vielleicht kontext-strukturell). Immer steht Kellner*innen, nur da wo es gar nicht Not getan haette, steht:
    “Es ist schwer, über diese Unannehmlichkeiten hinweg Beziehungen aufzubauen, besonders als Kellner, die darauf angewiesen ist, schnell und kontaktfreudig zu sein und alles parat zu haben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Kund*innen schmutziges Besteck zu bringen, ist peinlich und kann sich beim Trinkgeld niederschlagen.”
    Zum vorletzten Wort ist uebrigens anzumerken, dass es in einigen Laendern gang und gaebe ist, dass das Trinkgeld die einzige Einnahme “der Bedienung” ist, wenn Versicherungsabgaben der Ausbeutenden jetzt mal nicht als solche gezaehlt werden.
    Ob die der amerikanischen Original-Schreibenden alles Klarnamen sind, bezweifle ich im einzelnen. Dem Klassenfeind alles gratis zu liefern, ist… (hier Schmaehwort deiner Wahl einsetzen) und als Forderung… (dito).

  • Nachtrag: Urteile selber. Die englische Originalsequenz lautet wie folgt.
    “It’s hard to build past these inconveniences, especially as a server, who relies on being quick, outgoing, and having everything ready for them in order make a livelihood. Bringing out dirty silverware to a customer is embarrassing and they can take note of these things when tipping.”

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