„Buntgebung“ der JG-Stadtmitte thematisiert Jugendarbeit in der Coronazeit

"Jessy mit K und doppel-T" spielt in der prallen Sonne vor dem Eingang der JG-Stadtmitte. Foto: Martin Michel/Libertad Media

Jena. Am Samstagabend fand in der Johannisstraße eine als „Buntgebung“ angekündigte Kundgebung der Jugendgemeinde (JG) Stadtmitte unter dem Motto „Wo bleibt die Jugend?“ statt. Diese veranstaltete die JG anstelle ihrer alljährlichen „Werkstatt“; dieses Jahr hätten eigentlich Festlichkeiten zum 50. Jubiläum der Gemeinde stattfinden sollen, mussten aber aufgrund der Coronapandemie abgesagt werden. Die Idee zur Kundgebung sei bei einer ähnlichen Veranstaltung im Paradiespark vor zwei Wochen aufgekommen, sagten die Veranstalter*innen später. Laut Webseite der JG verfolgte die Kundgebung unter anderem den Zweck, „an die wunderbaren Konzerte, das alljährliche Theaterstück, die stets interessanten Ausstellungen, die hitzigen Diskussionen, an gemeinsame Abende in geselliger Runde“ zu erinnern, die sonst ein Teil der Werkstatt sind.

Zum Einstimmen spielte der junge Künstler Jessy, der seinem Namen das Prädikat „mit K und doppel-T“ beifügte, ein paar bekannte Szenesongs, die zum Teil auch Ereignisse in der Stadt um den Inselplatz thematisierten.

Im Redebeitrag von Elisa aus der JG ging es um die Erfahrung von Jugendlichen während der coronabedingten Schulschließungen. Sie habe trotz anfänglicher Freude die Umstellung auf Homeschooling als demotivierend empfunden, empörte sich in ihrer Rede aber gleichermaßen über Menschen, die Hygienevorsichtsmaßnahmen gar nicht akzeptieren wollten. Mit der Zeit sei ihr bewusst geworden, „wie unfair diese Pandemie verläuft“, vor allem im globalen Maßstab. Dass das Virus in diesem Ausmaß auf den Menschen übergesprungen ist, wertete sie als Rückschlag der Natur und stellte fest: „Ganz ehrlich, wir sind selbst dran schuld.“

Anschließend spielte eine neu gegründete Band mit Elisa am Schlagzeug, die sich den Namen „Mülltonnentapezierer“ gegeben hatte, und beschallte die vom Einkauf oder Essen zurückkehrenden Passant*innen mit wortkarger, aber dafür umso lauterer Punkmusik. Damit handelte sich die Gruppe zwischenzeitlich Beschwerden wegen Überschreiten der Lärmbelastungsgrenze seitens der anwesenden Polizist*innen ein.

Anstelle eines weiteren Redebeitrags gab es eine kurze Podiumsdiskussion mit Jugendlichen, die zuvor Redebeiträge oder musikalische Begleitung beigetragen hatten. Wieder ging es um das Scheitern des Bildungssystems im Angesicht der Krise, aber auch um die alltäglichen Anfeindungen, mit denen junge Punker*innen konfrontiert sind, sowie das Aufkommen der Black-Lives-Matter-Bewegung. Frieda, die Sängerin der Mülltonnentapezierer, sagte, es mache sie wütend, bei der Polizei unter Generalverdacht zu stehen, wenn es um Probleme in der Stadt geht. „Wir haben nie was damit zu tun, wenn in der Stadt was falsch läuft! Also meistens. Wir haben meistens nichts damit zu tun.“ Der Nachtrag sorgt für Gelächter unter den auf der Treppe zur Neuen Mitte sitzenden Punks. Frieda gesteht offen, dass die Jugendlichen natürlich nicht immer unschuldig seien.

Außerhalb solcher Allgemeinplätze entwickelte sich leider zu keinem Zeitpunkt eine Sachdiskussion um die angeschnittenen Themen, da die Anwesenden eher auf einen lockeren Abend aus zu sein schienen. Die Balance zwischen ernstem Austausch über Stadtpolitik und heiterer Musik gelang nicht wie bei der größeren Kundgebung im Paradies. Dennoch fehlte es nicht völlig an aufrichtigen Bemerkungen. Vor dem letzten Act sprachen die Jugendlichen kurz über ihr Verhältnis zur Musik. Jessy sagte, ohne dabei ernst oder melancholisch zu wirken, er empfinde die Musik, die er spielt, als „emotionale Selbstverwirklichung und eine Flucht vor Leid in meinem Leben“. Zum Schluss hatte Jessy noch einmal die Gelegenheit, sich im Beisein des lustig gestimmten Publikums zu verwirklichen und sang in der Abendsonne an der Gitarre.

(pj)

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