Montag, November 30

FDJ demonstriert – Jena reagiert: Blockaden, Gegenproteste, körperliche Auseinandersetzungen, Verletzte

Bild: Libertad Media / Martin Michel

Jena. Die FDJ, die Freie Deutsche Jugend, demonstrierte am 4. Juli in der Jenaer Innenstadt. Mit dem Motto „30 Jahre sind genug! Revolution & Sozialismus“ wollten sie für ihre Ziele werben.

Die FDJ wollte in Jena, wie in diversen anderen Städten im Zuge ihrer Kampagne zum 30-jährigen Ende der DDR, demonstrieren. Ihnen schlug dabei starker Gegenprotest entgegen. Sowohl von klassisch konservativ-bürgerlich bis antikommunistisch positionierten Gruppen wie der CDU, der jungen Union, der FDP, SPD, den Grünen, als auch aus der radikalen linken Szene. Von Falken, über die junge Gemeinde Stadtmitte (JG) bis hin zu anarchistischen, antifaschistischen und antideutschen Gruppen und Menschen stellten sie sich den selbst ernannten Arbeiter*Jugendlichen entgegen. Auch Mitglieder der Partei DIE LINKE protestierten auf den Straßen. Die Gegenproteste fanden aber nicht gemeinsam statt. Menschen aus linksradikalen Gruppen wählten vor allem die Form dezentraler Proteste und Aktionen, die bürgerlichen Kräfte bevorzugten eine Kundgebung auf dem Holzmarkt. Ein Punk mit Iro neben einem junge Union-Mitglied mit Deutschlandflagge wäre wohl undenkbar gewesen. Die verschiedenen Gruppen demonstrierten auch aus vollkommen unterschiedlichen Gründen gegen die FDJ. Große Teile der radikal linken Szene lehnen die FDJ aufgrund ihres autoritären Stalinismus ab. Sie streben zwar auch eine Neuordnung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse an, jedoch keinen autoritären Staat. Die bürgerlichen Parteien warfen der FDJ Geschichtsklitterung vor und positionierten sich überwiegend antikommunistisch.

FDJ-Demonstration 4. Juni 2020 in Jena

Die FDJ trat wenig überraschend mit einer historisch angelehnten Demonstration auf. Rote Flaggen, klare Formation, Uniformen, ein obskurer umgedrehter Trabant. Kampflieder wurden gesungen, Parolen skandiert – ein militärischer LKW war die Schlussnote. Manche Altjenenser*innen fühlten sich an längst vergangene Zeiten erinnert. Gleich zum Beginn der Demonstration wurde die FDJ mit ersten Protesten konfrontiert. Am Holzmarkt hatte die Freie Bühne Jena eine künstlerische Intervention auf den Stufen eines Universitätsgebäudes vorbereitet. Mit großen Pappschildern demonstrierten die Schauspieler*innen gegen den skurrilen Auftritt der FDJ.

Durchaus überraschend blockierten im Anschluss Mitglieder der von CDU und anderen Parteien getragenen Kundgebung die Aufmarschstrecke der Stalinist*innen. Die FDJ wurde über einen Bahndamm um die Demonstrant*innen herum geleitet. Die nächste Überraschung wartet nur einige Straßen weiter. Sympathisant*innen der JG-Stadtmitte hatten ein Picknick auf der angemeldeten Aufzugsstrecke in der Johannisstraße, aufgebaut. Die Polizei zog zunächst Kräfte zusammen, intervenierte aber nicht. Die Straße war blockiert. Mit Polizeiketten wurden die Blockierenden am Ort festgehalten und die Demonstration auf einer alternativen Route umgeleitet.

Picknick-Blockade vor der JG-Stadtmitte

Auch auf dieser alternativen Route blockierten Aktivist*innen aus dem linken Spektrum die Strecke. Sie setzten sich auf die Straße am Fürstengraben. Die schnell herbeigeeilten Einsatzkräfte schrien sie an: „Verpisst euch, runter von der Straße!“, keine 5 Sekunden später wurden sie mit Pfefferspray besprüht und auf den Bürgersteig gezerrt. Herbeigerufene Ersthelfer*innen wurden von den Polizist*innen zunächst auch angeschrien. Sie wollten den Verletzten Wasser zum Spülen der Augen bringen. Nach kurzer Diskussion war dies dann doch erlaubt. Es gab sechs verletzte Gegendemonstran*innen, eine Person hatte noch 10 Minuten nach dem Angriff schwere Atemprobleme. Warum die Menschen in der Blockade direkt angegriffen wurden, ist fragwürdig. Die Polizei hätte sie auch einfach wegtragen können. Von ihnen ging keine sichtbare Eskalation aus. Auch war die Straße ausreichend breit, um die Demonstration um die Blockade zu führen. Es gab keine Verhaftung. Die Maßnahme wirkte nicht verhältnismäßig.

Von Polizist*innen verletzte Demonstranten werden behandelt

Nachdem die FDJ eine kurze Runde durch das Damenviertel gedreht hatte, reagierte sie auf den Angriff auf die Gegendemonstrant*innen. Sie gaben an der Kreuzung am Inselplatz kund, nun eine Sitzblockade zu veranstalten. Aus Solidarität mit den Angriffen auf die Gegendemonstrant*innen besetzten sie die Kreuzung. Die im Stau befindlichen Passant*innen reagierten wütend und überzogen die FDJ mit einem Hupkonzert. Die Polizei musste mehrfach einschreiten, um Auto- und Motorradfahrer*innen von unüberlegten Handlungen abzubringen. Nach 40 Minuten einigte sich die FDJ nach eigenen Angaben mit der Polizei. Angeblich würden diese weniger Kräfte an der Demonstration positionieren. Die FDJ erhoffte sich so weniger gewalttätige Interventionen im Umfeld der Demo. Tatsächlich waren nach dem Weiterlaufen einfach alle Seitenstraßen von Polizist*innen gesperrt.

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Auf dem Markt gab es einen kurzen Schlagabtausch mit Mitgliedern der CDU und SPD. Diese saßen an einem Café in der Sonne und genossen den Nachmittag. Es gab Pöbeleien in Richtung der FDJ. Anwesend waren durchaus bekannte Funktionäre der entsprechenden Parteien. Parolen wie „Kapitalismus ist Freiheit“ sind aus Richtung des Tisches erklungen.

Fast am Ende der Demonstration stellten sich Demonstrant*innen aus dem linken Spektrum nochmal dem Aufmarsch mit Transparenten und Sprechchören entgegen. Zu lesen war unter anderem: „Nein, Nein, das ist nicht der Kommunismus, Habibi!“. In der Löbderstraße musste die Demo anhalten. Teile der FDJ durchbrachen die Blockade mit körperlicher Gewalt. Es kam zu kleineren Rangeleien zwischen Gegendemonstrant*innen und FDJ-Funktionär*innen. Ein Gegendemonstrant blockierte den Deko-Trabant der FDJ. Zunächst griffen ihn FDJ Mitglieder an, dann trat die Polizei auf. Die FDJ intervenierte und forderte, die Einmischung zu unterlassen. Die Demonstration war dann von zwei Blockaden, bewacht von Einsatzkräften der Polizei, etwa 15 Minuten eingesperrt.

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Konflikte zwischen FDJ und Gegendemonstrant*innen

Die Demonstration endete nach einigem Hin und Her am Holzmarkt. Umgeben von Gegendemonstrant*innen wurden weiter die Lieder und Parolen skandiert. Es gab verbale Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen. Nach einiger Zeit wurde die FDJ beschützt von Polizist*innen in eine Nebenstraße geleitet. Dort wurden die Fahnen eingerollt und alles abgebaut.

Im Anschluss feierten emanzipatorische Gruppen im Rahmen einer Kundgebung im Paradiespark. Es gab Punk, Reggae und viele Redebeiträge. Unter dem Motto: „Linksradikales Jena – für eine freie Stadtgesellschaft“ veranstalteten verschiedene radikal linke Gruppen ein eigenes Event. In Redebeiträgen wurden auch die Ereignisse des Tages thematisiert. Jugendliche forderten ein Ende der Polizeikontrollen gegen sie und ein autonomes Jugendzentrum. Anarchist*innen dokumentierten die Polizeiübergriffe der letzten Jahre. Feminist*innen machten auf die unhaltbaren Zustände unserer patriarchalen Gesellschaft aufmerksam. Die Veranstaltung verlief komplett friedlich und ohne Zwischenfälle. Polizeikräfte waren kaum vor Ort.

Viel Polizei um die FDJ Kundgebung

Martin Michel

2 Comments

  • Red R

    Es macht mich ziemlich wütend, dass der Autor so die Wahrheit verdreht!
    Die FDJ ist weder stalinistisch noch anders autoritär geprägt. Eine Ein-Mann-Diktatur ist nicht der proletarische Sozialismus… Außerdem stellte die FDJ nach der Attacke der Polizei auf die Gegendemonstranten die Forderung an die Polizei nicht mehr die Seiten der Demo zu flankieren und sich hinter die Demo zu positionieren, denn genau das was hier behauptet wird, nämlich dass sich die FDJ vom Staatsapparat hat beschützen lassen, wollte sie verhindern.
    In dem Sinne, dass die Polizei der Forderung der FDJ nach Rückzug, nach ca. 40 minuten Blockade der Straßenbahn nachgeben musste. Und v.a. in dem Sinne, dass, als einige der Gegendemonstranten in der Löbderstr auf die Genossen der FDJ losgehen wollten und die Polizei die ausfällig Gewordenen wegzerren bzw auf sie körperliche Gewalt ausüben wollte, sich zwei FDJler beschützend zwischen Antifa/Autonome und Polizei gestellt hatten um klar zu machen, dass der Staatsapparat der Feind ist und nicht wir untereinander, wie so oft suggeriert wird, die Spaltung vorantreibend. Von der FDJ kam an diesem Tag keine der wüsten Beschimpfungen und Behauptungen, die die Gegendemonstranten riefen, zurück. In ihren Reden wurden die FDJ-Aktivisten inhaltlich und versuchten unter anderem den Gegendemonstranten der Jenaer Linken nahezulegen, dass wir auf der selben Seite gegen die Faschisten und das Kapital stehen. Und was für ein Irrsinn das eigentlich ist aufeinander loszugehen ohne sich richtig miteinander auseinanderzusetzen.
    Ich will nur sagen, dass da viel unbegründeter Hass an diesem Tag da war, der nicht der Realität der FDJ und auch nicht der DDR entspricht.

  • Peter

    Was waren das für Autonome, die dem Spiegel TV in die Kammera schreien,“ Ich liebe Spiegel TV!“ 🤣 Das waren bestimmt zivilbullen!! Ein Antifaschist der nichts ist als ein Antifaschist, ist kein Antifaschist. FDJ, weiter so!

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