Neue populistische Bewegungen gegen Corona – von Molotowcocktails und der Angst vor Maulkörben

Jena. Auch in der Saalestadt sind die zwei neuen Bewegungen „#NichtOhneUns“ und die Bewegung „Widerstand2020“ aufgetaucht.

Die Bewegung „NichtOhneUns“ ist ursprünglich aus den sogenannten „Hygienedemos“ in Berlin entstanden. In Berlin kommen regelmäßig einige hundert Menschen zu den unangemeldeten Demonstrationen zusammen. Hier haben sich schon von Anfang an rechtsextreme Strukturen unter die Demonstrant*innen gemischt und so gemeinsam mit allerlei Verschwörungstheoretiker*innen eine gefährliche Querfront gebildet.

Zumindest in der Jenaer Ortsgruppe der Bewegung sind auf den ersten Blick keine gefestigten Rechtsradikalen auszumachen. Jedoch eine starke Wut über die Maßnahmen: so schrieb ein leitendes Mitglied der Gruppe in einem internen Chat zur Maskenpflicht an den Schulen:

Nur über meine Leiche setzen meine Kinder son Ding auf, das ist Nötigung und angesichts der Dauer des täglichen Tragens fahrlässige Körperverletzung. Ic muss was kaputtmachen gehen… p.s.: Mahnwache ist viel zu wenig – Mollis müssen her! (sic!)

Dieser offene Gewaltaufruf wurde von anderen Mitgliedern der Gruppe aber durchaus kritisch bewertet.

Man informiert sich in klassischen Querfrontmedien und verschwörungstheoretischen Seiten wie „Impfkritik“oder „KenFM“. Dabei entsteht ein buntes Potpourri an sich widersprechenden Positionen und Meinungen. Für manche Mitglieder der Bewegung gibt es den Virus nicht, andere nehmen die Gefahr sehr ernst, kritisieren jedoch die Maßnahmen.

Auffällig ist der besondere Fokus der Jenaer Gruppe auf die Mund-Nasen-Schutz-Pflicht. Der entsprechende Schutz wird fast durchgehend als „Maulkorb“ bezeichnet. Offensichtlich ignorieren zahlreiche Mitglieder der Bewegung die Pflicht zum Tragen. Auch berichtet ein Mitglied der Gruppe, wie er eigene Mitarbeiter angewiesen hat keine Masken am Arbeitsplatz zu tragen:

Ich hab meinen Mitarbeitern gesagt, dass ich im Büro keine Masken sehen will und dass wer Masken tragen befürwortet, bitte ins homeoffice gehen soll. Es sind alle im Büro! (sic!)

Wiederum andere Mitglieder organisieren sich ärztliche Atteste um von der Pflicht ausgenommen zu werden: „Wir haben jetzt 2 Atteste gegen den Maskenball“. Die entsprechende Taktik scheint aufzugehen: „Wir waren so eben im Rewe in Lobeda, Türsteher und Chefin waren wenig begeistert, haben uns aber mit Attest und ohne Mundschutz reingehen lassen!“. Wieder andere berichten stolz wie ihr Mundschutz beim Einkaufen „herunter rutscht“.

Im Fahrwasser der „NichtOhneUns“-Bewegung gibt es auch den Versuch einer Parteineugründung. Mit Widerstand2020 gibt es den Ansatz eine Art Anticorona-Partei zu gründen. In der internen Diskussion der Jenaer Ortsgruppe ist der verschwörungstheoretische Anteil deutlich höher als bei „NichtOhneUns“.

Hier kursieren überwiegend Verschwörungstheorien: Bill Gates als Antichrist, der die Menschheit unterjochen will, wahlweise alle Menschen der Erde in irgendeiner Form „chippen“ will. Natürlich unter einer Decke steckend mit dem Robert-Koch-Institut und dem Virologen der Berliner Charité, Christian Drosten. Auch werden Videos mit Titel wie „Impfungen sind versuchter Mord“ und ähnliches geteilt. Auch sehr skurrile und absurde Posts finden sich in der internen Gruppe: so werden beispielsweise öffentlich zugängliche Dokumente des Bundestages als „unter Ausschluss der Öffentlichkeit“ betitelt. Hierbei fehlt natürlich nicht der Link zur offiziellen Seite des Bundestages. Doch solche Details gehen in der kollektiven kognitiven Dissonanz, welche die meisten Verschwörungstheoretiker*innen pflegen vollständig unter. Kritische Stimmen werden in den Diskussionsforen der neuen „Partei“ verspottet, und als „Systemopfer“ dargestellt. Man selbst habe die Wahrheit gefunden und sei nun „erwacht“.

Allgemein überwiegt in der Bewegung die große Angst vor einer Impfpflicht und dies obwohl es gegen Covid19-Sars2 noch gar keinen Impfstoff gibt.

In Jena versuchen bereits bekannte Rechtsradikale in die Bewegung vorzudringen: André Kapke war zeitweise Mitglied der Facebook-Gruppe von Widerstand2020. Kapke war einer der Hauptakteure des Thüringer Heimatschutzes, Mitorganisator des „Fest der Völker“ und NPD-Mitglied.

Während sich die Protagonist*innen der Hygienedemos nun jeden Samstag am Holzmarkt treffen, um mit einer Kundgebung für ihre Positionen zu werben, treffen sich die Mitglieder von Widerstand2020 wohl jeden Montag. Die skurrile Veranstaltung besteht aus einem Umzug durch die Stadt: schweigend spazieren die Demonstrant*innen durch die Innenstadt: Plakate, Schilder oder Inhalt wird nicht vermittelt – Mundschutz tragen sie selbstverständlich auch nicht.

„Montagsspaziergang“ von Widerstand2020 am 4.5.20 in Jena

Auch Wissenschaftler*innen und Gewerkschaflter*innen warnen inzwischen vor der Gefahr der Vereinnahmung der neuen Bewegungen durch Rechtsradikale.

Es bleibt zu hoffen, dass die Vernünftigen in den neuen Bewegungen die Oberhand gewinnen, den Aluhut absetzen und eine konsequente Trennlinie zu Rechtsextremismus, Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit und wirren Verschwörungstheorien ziehen. Eine kritische Begleitung der aktuellen Maßnahmen wäre dringend geboten. Wie die beiden Bewegungen aktuell agieren erreichen sie jedoch das Gegenteil von diesem Anspruch.

(MM)

Anzeige

2 Kommentare

  1. Schade, dass von Seite der hier Kritisierenden scheinbar kein Interesse an einem persönlichen inhaltlichen Austausch bestand. Stattdessen das Plakat der (eigenen?) Gegendemo als Titelbild einzufügen trägt auch nicht unbedingt zur Verständigung bei, sondern bestätigt das scheinbar schon gefestigte eigene Bild. Vielleicht beim nächsten Mal einfach ein echtes Gespräch mit mehreren anwesenden Leuten führen, wenn denn daran überhaupt ein Interesse besteht.

    • Wir haben mit den Gegendemonstrant*innen nichts zu tun. Wir dokumentieren nur die Ereignisse.

      Da weder „Widerstand 2020“ noch „NichtOhneUns“ feste Strukturen haben dokumentieren wir anhand von Redebeiträgen und schriftlicher Kommunikation. Sollte sich dies ändern schicken wir natürlich auch unsere Fragen an die entsprechenden Kontakte.

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*