Dienstag, Dezember 6

Wagenplatz Rad*Aue im Exil: Wir kommen wieder!

Jena. Die Fläche des ehemaligen Wagenplatzes Rad*Aue am Steinbach ist am Dienstagvormittag matschig und trist. Nur eine Kunstinstallation erinnert an den Trubel des Wagenlebens, welches noch vor einer Woche hier blühte. Auf einer alten Bank sitzt ein Skelett und reckt dem interessierten Passanten ein Schild entgegen: “Wir kommen wieder!”.

Nach und nach füllt sich der Platz wieder mit Leben. Zahlreiche Unterstützer*innen treffen ein. Sie sprühen mit grellen Farben, auf meterlangen Papierrollen, ihre Forderungen. Kinder spielen und Hunde wuseln über die Schotterfläche. Die Stimmung ist gedrückt – aber auch entschlossen. Man will sich nicht abfinden, dass etwas, was überall in Deutschland möglich ist – in der Lichtstadt unmöglich sei. Zahlreiche Pressevertreter*innen begleiten das bunte Treiben.

Auch der Wagenplatz – nun im Exil – zeigt sich entschlossen – in einem vorbereiteten Statement kündigen sie an: “Wir brauchen jetzt mal eine Verschnaufpause. Aber wir werden weitermachen. Und wir haben bisher bewiesen, dass wir einen langen Atem haben. Möglicherweise einen längeren als der OB”.

Dass nach vier Stadtratsentscheidungen mit deutlichen Mehrheiten für den Wagenplatz nicht einmal eine vorübergehende Alternativfläche in Jena angeboten werde, entlarve das konservative und unflexible Vorgehen der Verwaltung vollends. „Mitgestaltung, Vielfalt und Toleranz gegenüber anderen Lebensvorstellungen sind allenfalls Worthülsen zur Imagepolitur – kleingeistige Vorurteile und Verdrängung prägen leider vielmehr das derzeitige Handeln der Stadtspitze, und das nicht nur in Bezug auf den Wagenplatz.“ meint Platzbewohner Volker Czerny.

Den Bewohner*innen ist wichtig auch nochmal auf die Faktenlage hinzuweisen: „Das Votum des Stadtrats war bisher mehr als eindeutig. Und das Urteil des Verwaltungsgerichts Gera sagt an keiner Stelle, dass Wagenplätze illegal oder nicht legalisierbar seien. Darüber hinaus haben die letzten zwei Jahre gezeigt, wie groß der Bedarf in Jena an selbstverwalteten Projekten, unkommerziellen Veranstaltungen und Räumen der Kreativität ist“ (Richard Löwenberger / Rad*Aue).

Nun mussten die Bewohner*innen ihre Wägen abstellen und Unterschlupf bei Freund*innen finden. Sie wurden an geeigneten Standorten geparkt. Was nach dem Auszug der Rad*Aue bleibt, ist eine leere Schotterfläche. „Aber möglicherweise ist diese Tristesse Nitzsches Vorstellung von Jena“ meint Volker Czerny. Seine Vorstellung von Ordnung habe er durchgesetzt – fürs Erste.

Oberbürgermeister Nietzsche will sich, am morgigen Mittwoch, zum Wagenplatz äußern.

Autor: Martin Michel

3 Comments

  • Michael Wölke

    Na da haben die Platzbesetzer aber noch mal richtig auf die Kacke gehauen.

    Fakt ist daß sie jahrelang ein städtisches Grundstück ohne Genehmigung und in nicht genehmigungsfähiger Form genutzt haben, was nur durch den Linkskuschler Schröter möglich war.

    Liebe RadAuer, euch mögen die Gesetze nicht gefallen aber sie gelten für alle.

    Anmerkung der Redaktion:
    Die Radaue hat das Grundstück nicht Jahrelang ohne Erlaubnis benutzt. Es gab eine Duldung durch Stadtrat und Oberbürgermeister. Nur während des laufenden Gerichtsverfahrens haben sie den Platz rechtswidrig genutzt. Nach dem Urteil haben sie den Platz verlassen.

  • Michael Wölke

    @Redaktion: richtig lesen, zwar mit Duldung aber ohne daß eine Genehmigung nach geltendem Recht vorlag oder möglich wäre.
    Die Duldung war nur Peisker und Schröter zu verdanken die hier Verwaltungsrecht mißachtet haben.

  • Warum sollte eine Immobilie leer stehen, wenn sie von Menschen genutzt werden kann, die ihren CO2-Fußabdruck verringern und in einer erschwinglichen Wirtschaft leben möchten, die auf immer niedrigeren Löhnen basiert?

    Nicht jeder arbeitet für einen Konzern oder will es. Viele Jobs verschwinden, ersetzt durch Automatisierung. Viele Menschen kämpfen einfach, weil die Mieten zu hoch sind und Arbeitsplätze knapp sind.

    Eine niedrigere Miete bedeutet, dass Sie leichter atmen können und mehr Geld haben, um Dinge zu tun, die Sie tun möchten, wenn der Preis für alles steigt.

    Angesichts der Lebensmittelknappheit, von der wir erzählt werden, ist es sinnvoll, Zugang zu einem kleinen Garten zu haben, in dem Sie die eine oder andere Zucchini anbauen und den Druck von den Supermärkten nehmen können. Diese Fabriken für verarbeitete Lebensmittel bringen unseren Planeten mit ihrem endlosen Volumen zum Schmelzen? Immer wieder werden gute Lebensmittel weggeworfen.

    Bei mir dreht sich alles um Lösungen, und die Zuweisung leerstehender Immobilien an diejenigen, die sich der Herausforderung stellen, ist eine sehr überzeugende Lösung für dieses Problem.

    Wenn die Mietzahlungslast um 80 % reduziert wird, was in einem Wagon Village passieren kann, würden wir feststellen, dass Familien und Einzelpersonen beginnen würden, sich aus der Depression zu erheben, die diese Last verursacht. Sie würden im Allgemeinen glücklicher und im Gegenzug proaktiver und produktiver werden. Das hilft der Gesellschaft, indem es sie stärker macht.

    Es ist so offensichtlich. Ich denke, jeder, der dies bestreitet, ist entweder:

    a) Ignorieren der öffentlichen Lösung, weil sie ihre langfristigen privaten kommerziellen Bedürfnisse nicht berücksichtigt

    oder

    b) an einem ernsthaften Defizit des Intellekts leidet.

    Wenn der Staat denjenigen, die ein kleineres, bezahlbares und nachhaltiges Leben suchen, mehr leerstehende Immobilien zur Verfügung stellt, beginnen wir damit, viele andere Probleme zu lösen, mit denen wir ständig bombardiert werden.

    Wohnungsnot

    Nahrungsmittelknappheit

    Arbeitsplatzmangel

    Geldknappheit

    Das Wagon Village/Tiny Home bietet eine sofortige und effektive Lösung.

    Daraus lässt sich nur ableiten, dass die Lösung vom System ignoriert wird, weil das System vom Grundbesitz dominiert wird und DIESE Idee die falsche Botschaft sendet, eine Gegenbotschaft – „Die Miete muss nicht hoch sein, sie wird künstlich hoch gemacht“ .

    Die Lösung wird ignoriert, weil sie Konzernen und Regierungen, die Angst vor Mangel als Kontrollmechanismus nutzen wollen, eine Fliege ins Gesicht ist?

    Ist es akzeptabel, sein Leben unter unerbittlicher, unnatürlicher Belastung durch drohende Obdachlosigkeit, finanziellen Stress und Depressionen durch diejenigen zu leben, die ein manipulatives und grob ungerechtes System führen?

    Ist das Leben so würdevoll?

    Verletzt ein solches Leben Ihre Würde?

    Verstößt die Verletzung Ihrer Würde gegen die Verfassung?

    Ist die Würde des Menschen unantastbar?

    Sind wir eine Gesellschaft, die Menschen lieber obdachlos machen möchte, anstatt ihnen zu helfen, eine nachhaltige, bezahlbare und umweltfreundliche Lebensweise zu schaffen?

    Es scheint, dass wir, wenn wir die Gesellschaft sind, für die wir uns ausgeben, keine Lösung leugnen können, die das Gefühl der Würde einer Person verankert und stärkt.

    Würde beginnt mit dem Recht auf ein Zuhause, das man sich leisten kann und in dem man sich sicher fühlt.

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