Film über sexuelle Grenzüberschreitungen – Dreharbeiten der Freien Bühne führen zu Polizeieinsatz

Jena. Zu einem folgenreichen Missverständnis kam es am 16. Juli 2020 zwischen Künstler*innen der Freien Bühne Jena und den Ordnungskräften der Jenaer Polizei. Acht junge Künstler*innen arbeiten am Donnerstagabend für Dreharbeiten am Film „Bis nicht alles gesagt worden ist“.

Die Kunstschaffenden filmten dabei eine Szene, in welcher der Filmtitel mit handelsüblicher Straßensprühkreide auf den Asphalt der Mittelstraße und dem Magdelstieg im Jenaer Südviertel gesprüht wurde. So die Darstellung aus den Reihen des Filmteams. Die Protagonist*innen hatten sich dabei im Sinne ihres Drehbuches schwarz gekleidet. Ein besorgter Anwohner habe daraufhin wohl die Polizei benachrichtigt in der Sorge, dass „eine Gruppe schwarz gekleideter und vermummter Menschen Grafittis sprüht“. Die eingesetzten Beamt*innen fanden dann auch die entsprechende Situation vor. Vor Ort ließ sich das Missverständnis nach Angaben der Künstler*innen nicht klären. So beschlagnahmten die eingesetzten Beamt*innen die Speicherkarte der Kamera, die Sprühkreide und die Schablonen. Auch wurden alle angetroffenen Personen abfotografiert und ihre Personalien aufgenommen.

Die Jenaer Polizei verbreitete einen Tag später eine Meldung, nach der sie acht Personen dabei erwischt habe, „wie sie mehrere Hauswände besprühten“. Die angetroffenen Personen hätten ein „Statement, gegen die sexuelle Gewalt zum Nachteil von Frauen, setzen wollen“. Dies sei „der falsche Weg“ und „die jungen Männer und Frauen“ müssten nun mit einer Anzeige wegen Sachbeschädigung rechnen.

Zur Beschaffenheit der Farbe hatte die Polizei noch keine neuen Erkenntnisse aufzuweisen, man gehe von „richtiger Sprühfarbe“ aus. Ein Missverständnis, das sich sicherlich noch ausräumen lassen wird. Für die weiteren Ermittlungen der Polizei ein wichtiges Detail, da Sprühkreide die Straße nicht dauerhaft verändern kann und der Auftrag von Kreide in Jena nicht verboten ist. Eine Änderung, die Oberbürgermeister Thomas Nitzsche 2017 festlegte. Mittlerweile spricht die Polizei auch nur noch von Straße und Gehweg, die besprüht wurden.

Der Vorgang berührt die Kunstfreiheit der Kulturschaffenden, vielleicht lässt sich das Missverständnis aber zeitnah lösen. Trotz alledem wird das WERK, am kommenden Samstag, erstmalig präsentiert.

Der Film „Bis nicht alles gesagt worden ist“ stellt gewichtige Fragen:

Wer könnte von sexueller Grenzüberschreitung berichten? Mehr als die Hälfte unserer Gesellschaft. Wem ist es aber möglich, tatsächlich über die gemachten Erfahrungen zu sprechen? Einem Bruchteil davon. Und wer sagt von sich selbst, sexuell übergriffig (gewesen) zu sein? Niemand…

Die Rechnung geht nicht auf. Wo fängt sexuelle Grenzüberschreitung und Gewalt eigentlich an? Warum müssen Grenzen immer wieder so vehement verteidigt werden? Warum reicht ein einzelnes Nein meistens nicht? Und warum ist es gar nicht so einfach, Nein zu sagen? Habe ich selbst schon Grenzen von anderen überschritten? Warum ist es so schwierig über all das zu reden? Warum gibt es da so wenige Worte in unserem Vokabular? Und wer entscheidet eigentlich was gesagt werden darf? Mit diesen und weiteren Fragen haben sich sieben junge Künstlerinnen beschäftigt und den Prozess filmisch umgesetzt. Nun reißen sie ihre Münder auf und brechen das Schweigen, auf dass kein Ohr ruhen kann, bis nicht alles gesagt worden ist.

Der Film feiert am Samstag seine Premiere und wird bis zum 07. August jeden Abend um 20:00 Uhr Live gestreamt. Er ist dann unter diesem LINK zu sehen.

Der Film thematisiert Vorfälle von sexueller Gewalt und sexuellen Grenzüberschreitungen. Wir empfehlen, den Film in einem Umfeld von vertrauten Personen zu schauen, mit denen gegebenenfalls im Anschluss ein Austausch dazu stattfinden kann.

Martin Michel

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