„Ohne Planung kein Umbau der Wirtschaft“: Christian Zeller zu Besuch in Jena

Christian Zeller plädiert in seinem im Mai erschienenen Buch dafür, die Eigentumsfrage mit der ökologischen Krise zu verbinden. Foto: oekom verlag

Jena. Eine neue politische Gruppe, die sich „Klima und Klasse“ nennt, lud am Sonntag zu einem Vortrag des österreichischen Wirtschaftsgeografen Christian Zeller im Hörsaal 3 des Uni-Campus ein. Der in Salzburg lehrende Professor stellte dort die Thesen seines neuen Buches vor, Revolution für das Klima: Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen. Dabei nahm er direkt Bezug auf die einleitenden Worte seitens Klima und Klasse, in deren Prinzipienerklärung steht: „Die Hoffnung, den Kapitalismus mit der Umwelt zu versöhnen, ist eine gefährliche Illusion.“ Das Bündnis sieht sich sowohl der Klima- als auch der Arbeiter*innenbewegung eng verbunden.

Christian Zeller begrüßte die Bildung solcher Initiativen und stieg gleich in seine zentrale These ein: Das Klimaziel einer globalen Temperaturerhöhung um nicht mehr als 1,5°C sei nur mithilfe „radikaler industrieller Rück- und Umbauprogramme in den wichtigsten kapitalistischen Ländern einschließlich Chinas“ zu erreichen. Die Eigentumsfrage müsse also ins Zentrum ökologischen politischen Handelns gerückt werden. Bei der ökologischen Frage handele es sich um eine „umfassende Krise“. Einerseits sei diese als Gesellschaftskrise zu verstehen, denn die kapitalistische Wirtschaftsweise stehe in keinem nachhaltigen Stoffwechsel mit der Natur. Schon hier, in der Problematik der „planetary boundaries“, also gewissermaßen der Schmerzgrenzen der natürlichen Umwelt, kündigt sich also ein umfassender Wandel an. Andererseits seien wir mit einer „Krise der Alternativen“ konfrontiert. Unter den kapitalistischen Klassen, beispielsweise in den USA und der EU, herrsche eine Führungskrise. Und nicht zuletzt beobachteten wir eine Krise der politischen Repräsentation in vielen Ländern.

Zeller wählt nicht nur in seiner Programmatik, sondern auch in der Beschreibung dieser politischen Herausforderungen, klare Worte. Er schlussfolgert: „Die ökologische Frage determiniert alle gesellschaftlichen Auseinandersetzungen.“ Umgekehrt gelte aber auch, dass ökologische Probleme aus Fragen über die Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft hervorgingen – ein Gedanke, der an ein Bonmot des amerikanischen Ökosozialisten Murray Bookchin erinnert.

Die Lösung dieser Fragen innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise, so Zeller, suggeriere „mehrere Quadraturen des Kreises“. So sei die Profitabilität erneuerbarer Energieträger gegenüber fossilen auf die Preissenkung der für die Infrastruktur notwendigen Ressourcen angewiesen, was nichts weniger als einen „grünen Neokolonialismus“ zur Folge hätte. Der kapitalistische Akkumulationszyklus, den Zeller im Anschluss an Marx skizziert, sei unwiderruflich an einen „Raubbau von ‚Inputs‘ aus der Natur“ gebunden. Die Finanzialisierung des Kapitalismus seit den 70er Jahren habe noch für zusätzlichen Druck auf die Ausbeutung von Lohn- und Reproduktionsarbeit sowie der natürlichen Umwelt gesorgt.

Zeller will mit seinem Plädoyer für eine ökosozialistische Alternative auf die Herausbildung eines radikalen Flügels in der Klimagerechtigkeitsbewegung hinwirken, dessen zarte Anfänge er in der Zusammenarbeit von Fridays for Future und ver.di beim Arbeitskampf um einen besseren ÖPNV sieht. Doch obwohl er auf die Zentralität von Arbeit pocht, distanziert er sich explizit von dem „produktivistischen Verständnis“ der sozialen Frage, das den Wohlstand von Lohnabhängigen von steigendem Wirtschaftswachstum abhängig macht. Dieses sei immer noch in großen Teilen der gesellschaftlichen Linken vorhanden, so auch in der Linkspartei. Ein antikapitalistisches Programm, wie er es im Sinn hat, sei außerdem „weder eine Reihe von Forderungen noch von utopischen Wünschen“, sondern erwachse aus der Verknüpfung der Alltagserfahrungen Lohnabhängiger mit radikaler Kritik.

Christian Zeller sieht die Klimabewegungen also mit gleich mehreren Mammutaufgaben konfrontiert. Wie kann es gelingen, „die Kluft zwischen dem, was zu tun ist, und dem breiten Bewusstsein in der lohnabhängigen Bevölkerung“ zu schließen? Wie können arbeitende Menschen Bewusstsein über ihre politische Gestaltungsmacht (wieder-)erlangen? Hierauf gibt es keine einfachen, und schon gar keine allgemein gültigen Antworten.

So gehört es zu den Spezifika des deutschen Dilemmas in der sozial-ökologischen Frage, dass die Beschäftigten der Autoindustrie für ein ökosozialistisches Programm gewonnen werden müssen, im Zuge dessen sie sich die Produktion selbst demokratisch aneignen. Der Abbau von Arbeitsplätzen, der in der Autoindustrie ohnehin aufgrund von Überproduktion und Rationalisierung ansteht, kann in einem radikalen Programm zwar mit Arbeitsbedarf im ökologischen Landbau, im Sorgebereich und in der Bildung zu einem gewissen Grade kompensiert werden. Dennoch sehe eine Gesellschaft, die die ökologische Krise ernstnimmt, einem Rückgang gesamtgesellschaftlich notwendiger Arbeit entgegen, meint Zeller. Hierauf kann er eine überzeugende Antwort geben: Es gilt, eine allgemeine Arbeitszeitverkürzung anzustreben, die den Aufbau von Vetomacht in den Betrieben begleitet.

Zeller will mit den Orthodoxien des ökologischen Mainstreams brechen, die sich auch in der jungen Klimagerechtigkeitsbewegung wiederfinden. Wir müssen an die Produktion heran, nicht zu allererst an Konsumgewohnheiten, die im Kapitalismus, welcher beständig neuen Bedarf weckt, nur bedingt zu ändern sind. Auch kann, so der Gesamteindruck des Vortrags, Fridays for Future nicht länger in der Illusion schwelgen, vor ihrer Bewegung hätten keine Kämpfe stattgefunden, die für ihre Ziele relevant waren.

Sehr besonnen zeigt Christian Zeller, dass die verstaubte, seit der SED-Diktatur geradezu verbrannte Idee einer Planung der Wirtschaft auf ihre Wurzeln zurückverfolgt werden muss, um die ökologischen Grundlagen menschlicher Gesellschaften langfristig zu erhalten. In der klassischen Sozialdemokratie des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts bedeutete die Verfügung über Produktion in Form einer Planung der Weg hin zu einer demokratischeren Gesellschaft. Mit der „Kommandowirtschaft“ der DDR habe das herzlich wenig zu tun, sagt Zeller. Im Übrigen sei auch der gegenwärtige Kapitalismus bei Weitem nicht so marktwirtschaftlich, wie er sich gibt, denn bereits jetzt spielte sich ein Drittel des Welthandels innerhalb von Konzernen ab. Zeller will von diesen autoritären Formen der Planung lernen, um eine „Planung von unten“ zu verwirklichen. Das schließe nicht bloß staatliches, sondern auch kommunales, munizipales, regionales und transnationales Gemeineigentum ein.

Mit seinen zwar nicht allzu neuen, aber zweifellos zeitgemäßen Überlegungen traf der Geograf auf ein interessiertes Publikum, das seinen Thesen gegen die „Irrealität“ grüner Realpolitik nicht abgeneigt war. Das lässt vermuten, dass der Vortrag noch nicht die Menschen erreichte, die diese Argumente dringend hören müssen, die sich über den politischen Umfang eines system change noch nicht bewusst sind oder damit gar einen Regierungswechsel meinen. Aber auch für die kapitalismuskritischen Klimabewegten kann dieser Vorstoß zur Inspiration werden, denn in der Vernetzung mit Gewerkschaften und der Überzeugungsarbeit außerhalb linker Milieus haben auch sie noch Hausaufgaben zu erledigen. Die Krise der Alternativen sollte allen nicht nur Mahnung, sondern auch Gebot sein.

(pj)

Christian Zeller: Revolution für das Klima. Warum wir eine ökosozialistische Alternative brauchen. oekom verlag 2020, 248 Seiten. 22 Euro. ISBN 978-3-96238-188-2

Anzeige

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*