Donnerstag, Dezember 9

„Dieses Spießbürgerliche hat mich angekotzt“ – Alternative Jugendkultur in der DDR und heute

Ein Special des Kurzfilmfestivals "cellu l'art" zeigte Filmfragmente des Journalisten Peter Wensierski aus den 80er Jahren der DDR. Bild: Peter Wensierski/cellulart.de

Dem Outfit eines Punks haftet heute fast etwas Traditionelles an. Etwas Traditionelles, das aber am Konservativen immer noch so zielsicher vorbeischlittert wie einst. Die Normen, gegen die alternative Subkulturen dieser Tage rebellieren, zeigen sich eben als genauso beharrlich wie die Zurschaustellung bunter Frisuren, durchpierceter Haut und der Verachtung eines allgemeinen Arbeitsfetischs. Auch in Ostdeutschland war der Wandel, der sich seit der Geburt des Punk in den 1970er Jahren bis heute vollzogen hat, wohl nicht tief genug, dass er die anti-autoritäre Pose mit dem Untergang des paternalistischen SED-Staates sogleich überflüssig gemacht hätte.

Die dokumentarischen Kurzfilme Peter Wensierskis legen Zeugnis davon ab, wie geschichtsträchtig die widerspenstigen Jugendkulturen von Punk bis Öko sind. Er hat in den 80er Jahren einige für einen westdeutschen Journalisten ungewöhnliche Einblicke dokumentieren dürfen, die am Donnerstag in einem Special des Jenaer Kurzfilmfestivals „cellu l’art“ im Schillerhof gezeigt wurden. Der Dokumentarfilmer und Autor war eingeladen, um den historischen Hintergrund aufzuschlüsseln und einige Anekdoten zum Besten zu geben. Besonders interessiert zeigte er sich aber am Austausch mit Kitty, die die Zeitdokumente als Fridays-for-Future-Aktivistin, Mitglied der Jungen Gemeinde (JG) Stadtmitte und damit Vertreterin des Jugendprotests der Gegenwart aus einem ganz eigenen Blickwinkel betrachtete.

Die unverbesserlichen Deutschen

Im ersten Filmfragment begibt sich Wensierski auf die Suche nach Punks und Künstler*innen „in Ost-Berlin und anderswo“, wie es in der Beschreibung heißt, und stößt auf gleichermaßen Avantgardistisches wie Unbeholfenes – was eine Bohème eben so aufkocht. Der Protest in der Kunst und die Kunst als Protest – ein doppelter Reiz, der für die jungen Ostdeutschen in der Abkehr vom Konventionellen liegt. Man versucht sich an experimentellen Filmen und gestaltet eigene Magazine, deren aufregende Bilder mit grobem Strich sicher in den Verdacht des „Formalismus“ geraten wollen.

Zu dieser Kunst gehört auch die Kunst der Lebensführung – weit abseits von den Jungpionieren versteht sich. Ein Unangepasster im Film sieht sich in seiner Rolle aber nicht allein in Opposition zur Regierung, sondern auch zur Bevölkerung:

Dieses Spießbürgerliche – das hat mich angekotzt. Ich bin gegen Deutschsein. Der Deutsche ist für mich ein Spießbürger.

An den Film anschließend bekräftigt Wensierski die Sichtweise, dass sich der Protest auch gegen die Mehrheitsgesellschaft wandte. Schließlich hätten sich Punks nicht nur mit der Volkspolizei Ärger eingehandelt, sondern auch mit vielen alteingesessenen Bürger*innen. Da bekamen die Jugendlichen schon auch mal zu hören, man hätte sie früher wohl „vergessen zu vergasen“.

Schwerter zu Pflugscharen

Auch Bilder aus der Ost-Berliner Umweltbibliothek aus dem Jahr 1987 hat Wensierski festgehalten. Wie seine Kamera zu Beginn des Films in den Keller der unabhängigen Bücherei vordringt, ertönt „Keine Macht für Niemand“ – ein Lied, das dem Regisseur zufolge dort tatsächlich während einer Durchsuchungsaktion der Stasi gespielt wurde. Die DDR-Umweltbewegung stellte in dieser Bibliothek allen Interessierten Bücher sowie eine tagesaktuelle TAZ zur Verfügung, andere dokumentierten eigenhändig staatlich kaschierte Umweltverschmutzung oder veranstalteten Baumpflanzaktionen wie etwa in Gotha, wo die Ökos sogar Hilfe eines Volkseigenen Betriebs bekamen.

Schon damals, so lässt uns Wensierski über Voiceover wissen, drängte sich beim Baumpflanzen der Eindruck auf, dass es doch grundlegendere Veränderungen brauche, um dem organisierten Raubbau an der Natur Einhalt zu gebieten. Ein interviewter Umweltbewegter spricht Fragen an, die den Rückblick umso schmerzlicher machen: Es gehe nicht nur um das Wie der Verteilung von Gütern, sondern auch darum, was überhaupt zu verteilen sei. Wie zu produzieren sei. Das sind genuin politische Fragen, hinter denen die Realpolitik in ihrer wiedervereinigten Pracht bis heute zurückbleibt.

Auch eine im Film vorkommende Aktion der Friedensbewegung, in der ein Schmied unter Beifall wortwörtlich aus einem Schwert eine Pflugschar herstellt, kann in der Retrospektive etwas Wehmut aufkommen lassen. Dabei hat die Brachialität, mit der der Schmied zu Werke geht, so als könne er mit genug Schwung über den rein symbolischen Charakter seiner Hammerschläge hinaus wirken, beinahe etwas Komisches. Die Ideen derer, die sich damals gegen die Aufrüstung in Ost und West engagierten, und ihr Glaube an die grundsätzliche Veränderbarkeit von Gesellschaft sollten später im Getriebe der Wende zu Pulver zermahlen werden. Solche Entwicklungen aber sind kaum dingfest zu machen – zumindest im Film.

Der Traum, „nicht gegen, sondern ohne den Staat zu leben“

In seinem dritten Kurzfilm präsentieren uns Wensierski und die cellu-l’art-Crew exilierte Jenaer*innen „in der Kreuzberger Emigration“, wie der Filmemacher die Ansammlung mehrerer Generationen unangepasster Jenaer*innen im West-Berliner Bezirk nennt. Die erste solche Bewegung gen Westen ereignete sich nach dem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung. Später löste der Tod des jungen Matthias Domaschk im Stasigefängnis weitere Proteste aus, die Repressionen und Flucht nach sich zogen.

Aber was Jugendprotest im Gegensatz zu dem sogenannter Erwachsener auszeichnet, sind die eigentümlich unpolitischen Formen, die er zuweilen annimmt. Die junge Band „Airtramp“, die Wensierski 1987 portraitierte, haben sich als „ganz normale Jugendliche“, aber auch im Bewusstsein der Erfahrungen anderer zu den Exilant*innen gesellt. Die verzottelten Jungen erzählen im Film von „lustigen Sachen“, die sie in Jena ausprobiert haben: von Theater, Musik, eigenen Filmen und einer abenteuerlichen Floßfahrt auf der Saale, die ein jähes Ende fand, obwohl sich das selbstgebaute Floß wider Erwarten als seetauglich erwiesen hatte. Diese Form des Protests war mehr der Persönlichkeitsentfaltung als der politischen Subversion verpflichtet, wurde aber dennoch politisch verfolgt. Ein Mitglied der Gruppe äußert Bedauern darüber, „dass die Leute nicht begriffen haben, dass wir nicht versucht haben, gegen den Staat zu leben, sondern eher ohne den Staat zu leben“. Es sei ihm darum gegangen, „Freiräume zu sichten, die im Prinzip noch gar nicht da waren, sozusagen“. Das galt auch für die anti-nationalen Lyrics ihrer Lieder und das Veranstalten eines „Open-Air-Frühstücks“ in der Innenstadt. Auf ihre Aktionen folgten Polizeigewalt in Gewahrsam, Geldstrafen und letztlich der Entzug des Ausweises.

Auf der Suche nach Freiräumen

In Frieden und Gerechtigkeit auf Erden zu leben oder einfach nur seine Ruhe zu haben – beide dieser Jugendträume hallen nach. Kitty von der JG gibt sich vorsichtig, die Lebensrealitäten damals und heute zu vergleichen, die Parallelen drängen sich aber geradezu auf. Besonders Repressalien vonseiten der Polizei, die sich die letzten Jahre im Paradies gegen laute Jugendliche wandten und diesen Sommer sogar dazu führten, dass Menschen abends beim Eintritt in den Park Personenkontrollen über sich ergehen und ihre Musikboxen aushändigen mussten, stehen für eine in mancher Hinsicht ungebrochene Geschichte eines übergriffigen Staates. Auch heute noch erfreuen sich diese Schikanen unter deutschen Bürger*innen einiger Beliebtheit, versteht sich. Peter Wensierski, der sich für ein Rechercheprojekt im Archiv durch einige Akten der Volkspolizei gewühlt hat, fand dort zahlreiche Berichte von Beschwerden über Jugendliche, die sich auf Parkbänken aufgehalten hatten und dann von dort vertrieben worden waren. Er wünscht sich, die Polizei würde sich mit dieser Geschichte auch einmal befassen. Ein erstes Fazit zu diesem Filmabend kann also lauten, dass mit dem Punk und der Freiheit suchenden Jugend insgesamt nicht allein die Flucht vor dem Falschen fortexistiert, sondern genauso die Provokation des „Anderen“. Dem deutschen Spießbürger sei Dank.

Was Wensierski beim Filmen unter Ökos ins Auge fiel, war, wie der junge Umweltbewegte die in der DDR allgegenwärtige Beschwerde über den Mangel an bestimmten Konsumgütern mit seinem Antiproduktivismus ins Gegenteil verkehrte. Der Filmemacher muss sich gefreut haben, auf diesen Interviewpartner gestoßen zu sein, denn – das gibt Wensierski selbst als außenstehender Betrachter zu – das Baumpflanzen war ihm nicht radikal genug. Für ihn habe Radikalität dabei immer bedeutet, „über die richtigen Mittel und Formen nachzudenken“. Auch „Geschichte studieren gehört dazu, wenn man Politik machen will,“ meint er. Die richtige Art der Radikalität zu finden, um nicht in der symbolischen Pose zu verharren, bleibt eine Herausforderung für die politisch bewegten Menschen im Publikum. FFF-Aktivistin Kitty begrüßt die „Fragen des Überlebens, des Wie-wollen-wir-Lebens“ in der Klimabewegung, denen sie mithilfe von Wensierskis Dokus nun vielleicht noch einmal neu begegnen kann.

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