Sonntag, Juli 25

#BlockFriday: Für Klima- und Umweltschutz wurden bundesweit Autobahnen blockiert

Klimaaktivist über der A4. Foto: Martin Michel, Libertad Media

Jena. Der Morgennebel wurde gerade, bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt, von einem hübschen Morgenrot vertrieben, als sich Klimaaktivist*innen einer Autobahnfußgängerbrücke an der A4 bei Jena nähern. Bepackt mit einem großen Transparent „Mobilitätswende jetzt. Es geht nicht um den Wald, sondern um die Welt“. Auch im Gepäck: Kletterausrüstung, denn heute haben Aktivist*innen bundesweit zu Demonstrationen auf Autobahnen aufgerufen: unter dem Motto #BlockFriday. Eine Anspielung auf die Blockaden der Autobahnen und ein antikapitalistisches Augenzwinkern auf die Black-Friday-Rabattaktionen großer Onlinehändler. Gegen 8:10 Uhr ist das Transparent an der Brücke befestigt und entrollt. Zwei junge Menschen (21 und 22 Jahre) übersteigen das Geländer der Brücke und seilen sich einen Meter hinunter. Unter ihnen donnern unzählige LKWs vorbei, manche hupen, einige haben wohl auch die Polizei informiert, denn diese ist wenige Minuten später vor Ort.

Die Aktion ist gefährlich. Gut gesichert hängen die beiden zwar an der Brücke, ein einziger Fehler beim Anbringen der Sicherung hätte aber zu ihrem Tod führen können. Die Polizei schätzt die Lage als lebensgefährlich ein und sperrt die Autobahn vollständig in beide Richtungen. Es entwickelt sich ein kilometerlanger Stau. Wo es eben noch ein ohrenbetäubendes Rauschen gab, herrscht nun ungewohnte Stille.

Kilometerlanger Stau durch Kletterblockade von Klimaaktivist*innen über der A4. Foto: Martin Michel/Libertad Media

Die Aktivist*innen teilen in einem parallel verbreiteten Statement mit, dass sie mit ihrer Aufsehen erregenden Aktion „einen sofortigen Rodungsstopp im Dannenröder Wald sowie eine klimagerechte Verkehrswende“ fordern wollten. Eine Aktivistin, die auf der Brücke steht, erläutert dazu:

Wir brauchen jetzt eine Mobilitätswende hin zu einer nachhaltigen Verkehrspolitik. Es kann nicht sein, dass völlig unzeitgemäße Pläne von vor Jahrzehnten, wie der Bau einer neuen Autobahn, weiterverfolgt werden und ein gesunder, 300 Jahre alter Mischwald dafür gerodet wird. Ohne Verkehrswende kann das Pariser Klimaabkommen nicht eingehalten werden und es werden unumkehrbare Kipp-Punkte erreicht, die uns alle bedrohen.

Beim genannten Mischwald handelt es sich um den Dannenröder Wald, ein Buchen- und Eichenwald in der Nähe von Marburg. Durch diesen soll eine neue Autobahn, die A49 gebaut werden. Ein Projekt, welches 85 Hektar Wald verschwinden lassen soll und 123 Hektar Fläche versiegeln wird. Seit Oktober 2019 ist der Wald von Umwelt- und Klimaaktivist*innen besetzt. Diese stellen sich auf Baumhäusern und anderen Konstruktionen der Rodung entgegen. Meist friedlich, aber teilweise auch militant. Eine weitere Aktivistin ergänzt:

Der Danni (AdR: Kosename für den Dannenröder Wald) ist längst zu einem Symbol für die gescheiterte Verkehrspolitik von Andreas Scheuer und der Bundesregierung geworden. Es geht hier nicht nur um einen Wald, sondern um die ganze Welt. Wir dürfen nicht mehr auf das Auto als Verkehrsmittel setzen, sondern müssen den Fernverkehr per Bahn und den ÖPNV weiter ausbauen, sozial gerecht umgestalten und auch die Fahrradwege in Städten attraktiver machen. Der Verkehrssektor trägt maßgeblich zu den Treibhausgasemissionen bei und diese müssen gesenkt werden, sonst nimmt die Klimakrise verheerende Ausmaße an.

Neben der Brücke sammeln sich nach einer halben Stunde erste Sympathisant*innen. Sie werden von der Polizei an einen Platz neben der Brücke verwiesen, wo sie eine Spontankundgebung anmelden.

Interview mit einer Unterstützenden Person über die (persönliche) politische Erläuterung der Aktion

Die Polizei verhandelt mit den Aktivist*innen an der Brücke. Die weibliche Person verlässt freiwillig ihre luftige Position und bleibt am Transparent stehen. Ihr Kollege verweilt über der gesperrten Autobahn. Nach einiger Zeit hat die Polizei Hilfe von der Feuerwehr erbeten. Eine Räumung mit eigenen Kräften wäre schwierig. Die technischen Einheiten für Höhenarbeiten der Polizei sind begrenzt und heute gibt es bundesweit solche Aktionen: Auf der A2 bei Braunschweig, der A4 bei Dresden, der A7 bei Hüsby, der A7 und der A49 bei Kassel, der A20 bei Tribsee und der A485 bei Gießen. Außerdem laufen ja noch die Räumungen im Dannenröder Wald.

Die Feuerwehr Jena leistet Amtshilfe. Auf der gesperrten Autobahn bringt sie einen Leiterwagen in Stellung. Mit dessen Hilfe werden zwei Beamte der Autobahnpolizei und ein Feuerwehrmann an den Besetzer der Brücke empor gehoben. Parallel sichern Feuerwehrleute den Aktivisten neu, um ihn sanft in den Rettungskorb gleiten zu lassen. Dies gelingt ganz gut. Wieder am Boden ruft ihm jemand entgegen: „Danke fürs Bleiben!“, es folgt Applaus. Er entgegnet: „Ich will, dass der Danni bleibt und alle vom Klimawandel betroffenen Menschen bleiben können.“

Angekommen auf der Autobahn werden noch die Personalien des Kletterers aufgenommen, auch die unterstützenden Menschen auf der Brücke und die Klettererin werden von der Polizei namentlich bekannt gemacht. Den zwei Kletterer*innen wird eventuell „gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr“ vorgeworfen. Man wolle „dies aber noch prüfen“, so die Polizei vor Ort. In Gewahrsam genommen wird am heutigen Tag niemand.

Polizei und Aktivist*innen begegneten sich äußerst freundlich. Nicht so manche Autofahrer*in, deren Geduld im Zuge des Staus nachgelassen hatte. Trotz mehrerer Megaphon-Durchsagen, dass sich die Aktion nicht gegen sie richtete. Einige liefen auf der gesperrten Fahrbahn zu den Aktivist*innen und beschimpften diese. Nach anderthalb Stunden gab die Autobahnpolizei die Fahrbahnen wieder frei. Nicht wenige, die nach der Freigabe der Strecke an der Spontankundgebung vorbeifuhren, stießen eine Beleidigung aus. Sogar aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug der Thüringer Justiz wurde den Anwesenden der erhobene Mittelfinger gezeigt.

(mm)

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