Sonntag, September 26

»Nichtstadt«: Eine Abrechnung – und eine Liebeserklärung an Jena

"Wem gehört die Stadt?" Dieser Frage geht der Filmemacher Pablo Mattarocci in Jena auf den Grund. Bild: Remi Santolaria (Ausschnitt Plakat "Nichtstadt - Portrait eines Fortschritts")

Light, Life, Liberty – so lautet die Losung der Nachwende-Boomstadt Jena, wenn es nach den Architekt*innen ihrer PR geht. Das verheißungsvolle Prädikat „Lichtstadt“ haben sie der Kommune gegeben, die für ihre Optik-Industrie und ihre jahrhundertealte Universität bekannt ist. Doch was steckt hinter diesen luftigen Slogans und teuren Aushängeschildern? Wie ist es um die Menschen bestellt, die Jena einfach nur ihr Zuhause nennen? Dieser Frage geht ein neuer Dokumentarfilm nach, den ein Team um den Filmemacher Pablo Mattarocci diesen Freitag im Kulturschlachthof premieren wird.

Der Titel – „Nichtstadt – Portrait eines Fortschritts“ – ist bitterböse Ironie, denn der Film richtet sein Augenmerk auf zivilgesellschaftliche Vereine, städtische Subkulturen und Menschen auf der Suche nach Wohnraum, die von der Stadtpolitik unter den Oberbürgermeistern Albrecht Schröter (SPD) und Thomas Nitzsche (FDP) verdrängt worden sind, um Platz für diverse Prestigeprojekte der Hochtechnologiestadt zu schaffen. Der Film, an dem die Crew seit 2019 gearbeitet hat, zeichnet die Kämpfe dieser Initiativen innerhalb der letzten knapp zehn Jahre nach und zeigt dabei vor allem Menschen, denen von Tag zu Tag klarer wird, dass die Stadt, in der sie leben, nicht ihnen gehört.

Im Interview treffen wir Oliver Schubert, Geschäftsführer des Café Wagner e.V. – ein Verein, der sich der Förderung studentischer Kultur verschrieben hat, nun aber von Sanierungsplänen des Landes und einer damit verbundenen zweijährigen Schließung ohne Ausweichmöglichkeit bedroht ist. Wir treffen Pauline aus dem „Südkurve“-Fanblock des FC Carl Zeiß Jena, der laut Umbauplan des Ernst-Abbe-Sportfelds verlegt werden soll. Petra Tremel vom Geburtshaus und mehr e.V., der aufgrund des Ausbaus des Optischen Museums weichen musste und keine Räume mehr vorfand, in dem alle Angebote des Geburtshauses untergebracht werden konnten.

Auch Vertreter*innen inzwischen plattgewalzter Jenaer Wohnprojekte kommen zu Wort. Claudius und Lolo vom Auf Achse e.V. gehören zu denen, die in Jena auf dem Wagenplatz „Radaue“ gewohnt haben, einer kurzlebigen Wohnwagensiedlung im Norden der Stadt. Lolo hatte das Leben im Wohnblock, die Anonymität der „Wabe“, wie er es nennt, satt, bevor er auf den Wagenplatz zog. Ein ähnliches Gefühl der Gemeinschaft und Nachbarschaftlichkeit beflügelte wohl auch Clemens Leder und Kirsten Limbecker vom Wohnprojekt „Insel“ auf dem inzwischen für eine Campus-Baustelle umgepflügten Inselplatz.

Diesen subkulturellen Mikrokosmos in Jena zu durchleuchten, ist aber nicht das Ziel, das der Film verfolgt. Vielmehr bietet er Einblicke in den Mikrokosmos der bürgerlichen Demokratie, die Bevormundung, Gängelung und Verdrängung im Namen des Privateigentums immer unter dem Deckmantel von „Demokratie und Rechtsstaat“ – und, wenn beides nichts hilft: die Bauordnung – zu rechtfertigen weiß.

„Niemand hat die Absicht, eine Insel abzureißen“

So kommentiert Clemens Leder sarkastisch die Verdrängung des Wohnprojekts zugunsten des neuen Uni-Campus. Wehrlos gab sich keines der bedrohten Projekte geschlagen, auch wenn etwa Julia Teckemeyer vom Geburtshaus in der Weststadt bedauerte, auf der Suche nach neuen Räumen gegenüber der Stadt in eine „Bittstellersituation“ geraten zu sein, die man sich nie ausgesucht habe. Abhängigkeiten, die vor dem Auslauf des Mietvertrages so nicht sichtbar waren.

Luxusprobleme? Nein. Es geht hier überhaupt nicht um die selbstbesessene, typisch deutsche Vereinskultur, die schon Kurt Tucholsky zum Ziel seines satirischen Bisses auserkor: „In mein‘ Verein werd ich erst richtig munter. / Auf die, wo nicht drin sind, seh ich hinunter – / was kann mit denen sein?“ Das Identifikationsmoment, das gegenüber dem eigenen Verein oder Projekt entsteht, mag durchaus eine Ähnlichkeit mit der kleinbürgerlichen Welt haben, die Tucholsky seinerzeit auf die Schippe nahm. Der Kampf um den Erhalt der Jenaer Initiativen ist aber alles andere als eine sturköpfige Anmaßung gegenüber den Interessen der Mehrheit. Denn die Stadtverwaltung mag zwar durch Wahlen legitimiert sein; sie vertritt aber die Interessen des Standortes, nicht zwingend die der Mehrheit. Wissenschaft, Industrie und ihr Versprechen von Wachstum und Prestige geben den Ton an. Die Äußerungen des Jenaer Hausphilosophen Hartmut Rosa, die dem Film beigegeben sind, können diese Konstellation allenfalls verklären, denn in seiner Welt erscheint jeder Aushandlungsprozess, und sei es einer zwischen David und Goliath, von jeglichen Machtgefällen bereinigt.

Wenn Rosa aber von der „Anverwandlung“ von städtischem Raum spricht und die Kulturvertreter*innen den reinen Nutzwert der Immobilien im Gespräch in den Hintergrund treten lassen, dann steht das vor allem im Dienst einer Liebeserklärung, die Pablo Mattarocci und sein Filmteam an Jena richten. Der Film möchte nicht nur abrechnen mit dem soziokulturellen Kahlschlag der Jenaer Stadtpolitik, sondern zeigt eine tiefe Einfühlsamkeit mit den Bedürfnissen der Bewohner*innen, die sich von einer Boomstadt Jena zurecht wenig versprechen. Dass die Filmemacher*innen von der Verteufelung absehen, auf ihrer Kritik aber beharren, ist ein Verdienst. Die aufwendigen Montagen, Übergangsszenen und statischen Einstellungen, die Jena als urbane Kulisse in Szene setzen, machen diese Liebe für die Stadt und die Menschen, die in ihr arbeiten, abhängen und zur Schule gehen, für jede und jeden greifbar.

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Trailer des Dokumentarfilms

„Wir sind selbstständig gegangen – aber nicht freiwillig“

Die einzelnen Initiativen hatten und haben natürlich mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen, die nicht alle auf eine unwillige Stadtverwaltung zurückzuführen sind. Aber sie eint das Ringen darum – und hier sind Verwaltung und Investor*innen ein beinahe selbstverständlicher Gegner –, was an einer Stadt wirklich wertvoll ist. Auch wenn man keiner Subkultur angehört oder aller Voraussicht nach nie auf ein Geburtshaus angewiesen sein wird, drängt sich der Eindruck auf, dass die Prioritäten schief liegen.

Die Beschwichtigung des OB Nitzsche zu Amtsantritt, es werde „hier nicht die neoliberale Eiszeit anbrechen“, steht nicht nur im Widerspruch zu seinem Parteibuch, das zu derlei Gletschertouren geradezu synonym ist, sondern wird auch sofort wieder wettgemacht von jedem Wort, das der FDPler in den Rückblenden des Films über den von ihm anvisierten „Politikwechsel“ verliert. Die Bewohner*innen des Wagenplatzes, die Nitzsche mit einer Allgemeinverfügung räumen ließ, haben diesen „Wechsel“ zu spüren bekommen: „Wir sind selbstständig gegangen,“ sagt Wagenplatz-Bewohnerin Franzi im Interview, „aber nicht freiwillig.“ Auch Räumungen für neue Bauprojekte möchte Nitzsche zwar immer „behutsam und fair im Umgang machen“, wie er in einer Rede auf dem FDP-Neujahrsempfang 2019 sagte, aber den Zugang zu Leerstand in der Stadt für Vereine und andere Kollektive zu erleichtern fällt wohl nicht unter diesen frommen Vorsatz.

Und wem gehört die Stadt nun?

Das ernüchternde Fazit muss wohl lauten: Die Stadt gehört der Verwaltung, dem Stadtrat und den Investor*innen. Sie beschwören den Fortschritt, den der Film porträtiert, und bestimmen, was dieser Aufbruch zu bedeuten hat, auch was Kultur ist und was nicht. Der Immobilienkaufmann Götz Günther spricht im Film von einer Verantwortung, die die Entscheidungsträger*innen mit jedem Stadtentwicklungsprojekt eingehen. „Insel“-Bewohnerin Kirsten Limbecker meint, die Jenaer Verwaltung habe eine Richtung eingeschlagen, „wo sie sich selber das abschneidet, was sie sich eigentlich immer immer auf die Fahnen schreibt“ – nämlich das Image einer jungen, kreativen, weltoffenen und dynamischen Stadt. Der dynamische Charakter der Stadtgesellschaft besteht aber auch darin, dass die Frage, wem die Stadt zu gehören habe, nicht unangefochten bleibt. Das hat dieses Jahr das Bündnis Solidarische Stadt gezeigt, das sich teilweise erfolgreich gegen Haushaltskürzungen im sozialen und kulturellen Bereich gewehrt hat.

Doch es kommen noch harte Jahre auf die umtriebigen Bewohner*innen zu. Standortpolitik und ein steigender Mietspiegel treiben in Jena weiterhin ihr Unwesen. Das „Portrait eines Fortschritts“ hält die hart errungenen Lehren aus den letzten Jahren eindringlich fest und lässt dabei auch vereinzelte positive Entwicklungen unter den Tisch fallen. Die dort gezeigten Erfahrungen sollten uns aber nicht pessimistisch stimmen – unter der Voraussetzung, dass künftige Kämpfe nicht nur von einer gemeinsamen „Anverwandlung“ städtischen Raumes beseelt sind, sondern vor allem von dessen Wiederaneignung. Demos zur Enteignung von Jenawohnen und für Mitbestimmung in Mieter*innenräten, die Nitzsche in einer Archivaufnahme als „ungesunde“ Entwicklung bezeichnet, als drohe eine baldige Räterepublik, weisen den Weg in eine Politik des Gemeinwohls, in der die erstarrten bürgerlichen Prioritäten zu bröckeln beginnen.

Der Film Nichtstadt – Portrait eines Fortschritts feiert seine Premiere am Freitag, den 27. August, um 20:00 Uhr im Kulturschlachthof Jena. Nach der Vorstellung wird es eine Diskussion mit dem Regisseur geben. Weitere Kinotermine werden über die sozialen Medien Facebook und Instagram sowie die Homepage des Regisseurs bekanntgegeben.

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